Absicht ist ein scharfes Schwert

Zwei Regeldiskussionen erhitzten am vergangenen Wochenende die Gemüter. Auf der einen Seite eines der größten Talente, die der europäische Golfsport je hervorgebracht hat und auf der anderen Seite der verdienteste deutsche Golfer aller Zeiten. Während Jon Rahm bei der Irish Open aufgrund einer schludrigen Markierung seines Golfballs ins Kreuzfeuer geriet, brachte ein Tweet von Golf Channel Experte Brandel Chamblee den schon lange schwelenden Konflikt um Bernhard Langers Putt-Technik wieder in den Vordergrund.

Aber beginnen wir mit Jon Rahm. In der Schlussrunde der Irish Open stoppte sein Ball auf dem sechsten Grün direkt vor dem Ballmarker seines Spielpartners Daniel Im. Rahm markierte aufgrund dieser ungewöhnlichen Situation seinen Ball auf der Seite und versetzte den Marker um einen Schlägerkopf. Nach Ims Putt versetzte Rahm den Marker um den Schlägerkopf zurück, legte den Ball aber nicht wieder seitlich davon hin sondern vor seinen Marker. Und das – soweit man dies aufgrund des von seiner Hand verdeckten Vorgangs beurteilen kann – auch recht deutlich. Jedem, aber auch wirklich jedem, Beobachter war klar, dass der Spanier seinen Ball nicht an die gleiche Stelle zurückgelegt hatte. Hatte er davon einen Vorteil? Wenn ja, dann im kaum messbaren Bereich. Hatte er dabei gegen eine Regel verstoßen? Hundertprozentig.

Aus diesem Grund bat Oberschiedsrichter Andy McFee ihn zum Gespräch. Rahm, der zu diesem Zeitpunkt mit fünf Schlägen führte, bestritt vehement etwas absichtlich falsch gemacht zu haben. Es waren diese Aussagen, die den Weltranglisten-Achten vor einer Strafe bewahrten. Denn nach Lexi Thompsons Regel-Fauxpas in diesem Jahr hatten die Regelpäpste die Decision 34-3/10 eingeführt. Nach ihr bleibt ein Spieler straffrei, wenn er „angemessen geurteilt“ hat. Es ist die ultimative „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte. Und wenn man ehrlich ist, war sie hier noch nicht einmal angebracht. Denn mit dem Markieren vorne, statt an der Seite, hat Rahm eben nicht angemessen geurteilt. Es war keine böse Absicht aufgrund der ungewöhnlichen Situation, aber es war nun mal ein Regelverstoß. Andy McFee sah dies anders, wie er in einem Interview nach der Runde erklärte.

McFee sagt selbst, dass Rahm den Ball falsch zurückgelegt hat, hält das Ganze aber für insignifikant. Er behauptet, Rahm habe den Ball nicht ganz seitlich markiert (was man tatsächlich argumentieren kann) und nicht ganz frontal zurück markiert (was eine extrem fragwürdige Interpretation ist). Sein Fazit:

Wir reden hier von einem Unterschied zwischen einer Markierung bei 10 Uhr und 11 Uhr bei einem kleinen Ballmarker.

Andy McFee

Aber hier ist das Problem: Selbst wenn man alles unterstützt, was McFee sagt: Bei einem kleinen Ballmarker liegt der Ball trotzdem 1cm näher am Loch. Und Jon Rahm benutzt keinen kleinen Ballmarker. Er benutzt einen Pokerchip und hier liegt die Differenz nach einem Eigenversuch bereits bei 1,5 bis 2cm. Und zwischen 10 und 12 Uhr, wonach es eher aussieht, liegen bereits 2,5 bis 3cm. Klingt wenig, ist aber auf dem Grün nicht zu unterschätzen. Und um die Experten zu besänftigen, die auf Facebook nur Kritik erlauben, wenn jemand auf Tourniveau gespielt hat: In den Kommentaren bei geoffshackelford.com haben sich die kanadischen (Ex-)Profis Brad Fritsch und Richard Zokol mit deutlichen Worten geäußert:

Es ist ein signifikanter Unterschied. Ich bin mir sicher, dass es ein unabsichtlicher Fehler war. Aber seit wann werden wir für solche Dinge nicht bestraft?

Brad Fritsch

Das Wort Absicht hat die Büchse der Pandora geöffnet (…) Der Abstand vom Original-Ort ist irrelevant (…) genauso die Frage, ob er sich einen Vorteil verschafft hat. Die Integrität des Spiels hat heute erneut gelitten.

Richard Zokol

Doch das Schlimmste dabei ist die Dummheit von Jon Rahm. Gerade erst hat der Spanier mit seinem Ausraster bei der U.S. Open für Stirnrunzeln gesorgt. Hier hatte er die Chance nach der Runde zuzugeben, dass er in der Hitze des Gefechts einen Fehler gemacht hat und jede Menge Integritäts-Punkte sammeln können. Und er hätte immer noch mit vier Schlägen Vorsprung gewonnen. Eigentlich gibt es da nicht viel darüber nachzudenken – und dennoch hat Rahm sich für den einzig falschen Weg entschieden.

Doch nicht nur Rahm muss sich Fragen gefallen lassen. Auch die Regelhüter, die mit ihrer Einführung der komplett vagen Formulierung Absicht die Golfregeln verwässert und tatsächlich noch undurchsichtiger gemacht haben. Und nirgends wird dies deutlicher als im Fall Bernhard Langer. Nach der Kritik von Chamblee sahen sich Langer, sein ebenfalls verdächtigter Kollege Scott McCarron und die USGA zu einer Stellungnahme genötigt:

Doch auch das wird die Diskussionen nicht stoppen. Denn die Videos werden auch weiterhin die Interpretation erlauben, dass Langer verankert (wobei viele auf den falschen Punkt schauen. Entscheidend ist nicht, ob die Spitze des Putters vom Körper entfernt ist sondern die Verankerung des Ellenbogens am Körper). Etwas, was nicht nur niederträchtige Twitter-„Experten“ glauben, sondern laut Brad Fritsch auch sehr viele Profis.

Es gibt eine Handvoll Spieler auf der Champions Tour von denen 99% der Kollegen sagen, dass sie verankern. (…) So weit ich weiß, sind viele von ihnen zu den Offiziellen gegangen und haben ihnen gesagt, sie sollen darauf achten. Aber wenn die Spieler auf Nachfragen mit Nein antworten, kann man nicht viel tun.

Brad Fritsch

Denn das reicht vollkommen aus, um die Vorgabe der Regel zu erfüllen. Es ist letzten Endes vollkommen egal, wer Recht hat. Und es geht auch nicht darum, die Ehrlichkeit von Spielern wie Rahm, Langer, Lexi Thompson, Scott McCarron oder anderen in Frage zu stellen. Das Entscheidende ist, dass Regeln, die solche Diskussionen überhaupt ermöglichen, in die Tonne gehören. Das Wort Absicht hat in den Golfregeln nichts zu suchen. Hat Ian Poulter mit Absicht seinen Ball auf seinen Marker fallen lassen? Hat Ian Woosnam absichtlich 15 Schläger im Bag gehabt? Unterschrieb Roberto De Vicenzo mit Absicht nicht seine Scorekarte? Natürlich nicht. Aber trotzdem wurden sie bestraft – und es löste keine Diskussionen aus. Denn diese Regeln waren nicht schwammig geschrieben.

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