Alex Narey: Golfplätze von Oben

Google Earth ist eine tolle Erfindung, nicht nur für Reisende sondern auch für Golfer. Wer von uns hat nicht schon einmal seinen Heimatclub eingegeben, um ihn aus Satellitenperspektive zu betrachten? Sich am Computer auf exotische Golfplätze geträumt? Oder virtuell die Golfplätze besucht, auf die man als Normalsterblicher keinen Zutritt hat, wie etwa Pine Valley oder Cypress Point. Alex Narey, Chef vom Dienst bei Golf Monthly, hat dies jetzt in Buchform gebracht.

Sein 228-Seiter Golfplätze von Oben lädt den Leser auf „Eine virtuelle Reise über die 30 exklusivsten Golfplätze der Welt“, wie der deutsche Untertitel reißerisch verspricht. Das ist natürlich etwas irreführend, denn so richtig exklusiv sind nur die wenigsten der Plätze (nein, weder Pine Valley noch Cypress Point sind dabei): Mit dem richtigen Kleingeld in der Tasche darf man auf fast allen von ihnen aufteen. Im Original heißt das Werk dann auch etwas zurückhaltender „World’s Greatest Golf Courses on Google Earth“ – da kann man immerhin noch subjektiven Geschmack unterstellen.

Legt man jedoch die Besten-Listen von Golf Magazine und Golf Digest zugrunde, ist auch der Originaltitel irreführend. Denn von den 30 im Buch vorgestellten Plätze sind sage und schreibe 13 in Kontinentaleuropa angesiedelt. In den Top 100 der Welt von Golf Magazine finden sich gerade mal drei – und einer von ihnen, das portugiesische Oitavos Dunes, fehlt bei Alex Narey. Stattdessen finden wir sage und schreibe drei Plätze aus Deutschland: Falkenstein, Gut Lärchenhof und Beuerberg. Da auch noch vier – zugegeben sehr gute – französische Plätze im Buch vertreten sind, regt sich in mir als altem Zyniker natürlich ein Verdacht: Die Auswahl der Plätze hat vermutlich nicht unwesentlich mit den zu bedienenden Märkten zu tun. Denn, welch Überraschung: neben der englischen Fassung, die USA (7 Plätze), Großbritannien/Irland (5 Plätze) und Australien (3 Plätze) abdeckt, gibt es das Buch als französische und deutsche Übersetzung.

Doch kommen wir zum Inhaltlichen. Nach einem Vorwort von Ernie Els, das leider herzlich wenig mit dem vorliegenden Buch zu tun hat, steigt Narey gleich in die Vorstellung der Plätze ein. Das Schema ist dabei immer identisch: Es beginnt mit einer Google-Earth Übersicht des Platzes, auf die das Routing mit gelben Linien eingezeichnet ist. Begleitet wird das Ganze von einem einseitigen, einleitenden Text über die Geschichte des Platzes, der eine sehr gute kurze Einführung über die Architektur und Besonderheiten gibt. Anschließend werden dann jeweils auf einer Doppelseite die Front 9 und Back 9 aufgedröselt, wobei es zu jedem Loch etwa zehn Zeilen zur Spielstrategie gibt, und ein Loch mit einem etwas längerem Text sowie Google-Earth-Closeup und Foto hervorgehoben wird.

Etwas schade ist, dass der Autor bei seinen strategischen Beschreibungen das Gros der Golfer vergisst, für die er schreibt. Denn alle Beschreibungen gehen davon aus, dass man seinen Abschlag 250 Meter raushauen kann. Und wenn er bei 510 Meter langen Löchern davon spricht, dass es eine Chance gibt, das Grün mit dem zweiten Schlag zu erreichen, dürften 95% der Leserschaft nur mit dem Kopf schütteln.

Das größte Problem des Buchs ist aber ein ganz anderes: So cool und innovativ es auf den ersten Blick wirkt, ein Golfbuch mit Google-Earth-Bildern zu machen, so häufen sich bei längerem Nachdenken doch immer mehr Fragen. Denn, wie schon erwähnt, kann sich jeder selber diese Satellitenaufnahmen auf den Computer holen. Warum sollte man also dafür 40 Euro ausgeben? Zum anderen haben Satellitenaufnahmen aber auch einen ganz großen, entscheidenden Nachteil: Sie sind eindimensional. Wer direkt von oben auf einen Golfplatz schaut, bekommt keinen Blick auf die Konturen: alles wirkt bretteben. Das mag auf vielen Plätzen egal sein, aber wenn man als Eingangskapitel und wichtigstes Schlachtpferd dann ausgerechnet Augusta National ins Rennen wirft, der davon lebt, dass alles wellig ist, dann geht der ganze Reiz dabei verloren. Denn diese Höhenwechsel sind es auch, die die Spielstrategie auf diesem Platz entscheidend beeinflussen.

Und wenn man sich dann einmal vom Gimmick der Google-Earth-Bilder trennt, fällt einem auf, dass die Idee des Buchs gar nicht so innovativ ist. So bietet der World Atlas of Golf zu jedem seiner 80 (!) besprochenen Plätze eine schematische, schräge Aufsicht auf das Routing sowie ähnliche spielstrategische Überlegungen – und das Ganze für einen Bruchteil des Geldes.

Natürlich ist es schon schön, die Google-Earth-Aufnahmen gedruckt zu sehen. Und in einem Quervergleich sticht vor allen Dingen ins Auge wie aufregend und unterschiedlich die Bunkergestaltungen sind – von den Flächenbunkern in Oakmont zu den vielen kleinen Pottbunkern (sic!) auf den britischen Inseln. Auch die strategischen Überlegungen sind durchaus interessant. Am Ende bleibt jedoch festzuhalten, dass das schwere Hardcover-Buch „Golfplätze von oben“ das vermutlich unhandlichste Birdiebook der Welt ist.

Disclaimer: Mir wurde vom Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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