Bernhard Langer und die Sportler des Jahres Wahl

Es ist so unausweichlich wie der nächste Sieg von Bernhard Langer auf der Champions Tour. Wann immer es auf Facebook einen Beitrag über den in Anhausen geborenen Dauerbrenner gibt, ist in den Kommentaren eine Antwort vorprogrammiert: „Wann wird Bernhard Langer endlich Sportler des Jahres?“

Nicht nur in den sozialen, auch in den Golfmedien erfreut sich diese Frage großer Beliebtheit. Als Bernhard Langer in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, widmete die „Golf Time“ ihm fast eine ganze Ausgabe. Und in einer Kolumne forderte Chefredakteur Oskar Brunnthaler, dem ewig jungen Dauerbrenner spätestens in diesem Jahr die Auszeichnung zu verleihen, die ihm in seiner illustren Karriere bisher entgangen ist.

Was ich mir für Deutschlands besten Sportler schlicht wünsche? Dass Langer endlich mal zum „Sportler des Jahres“ gewählt wird. Denn das hat die Jahrhundert-Ikone mehr als verdient. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Oskar Brunnthaler, Golf Time

Zwei Mal in seiner Karriere hätte Bernhard Langer beanspruchen können, ernsthaft als Sportler des Jahres berücksichtigt zu werden. 1985 und 1993. Im Jahr 1985 gewann Bernhard Langer das Masters, ein weiteres Turnier auf der PGA Tour und zwei Titel auf der European Tour. Zudem trug er drei Punkte zum ersten Sieg eines europäischen Teams im Ryder Cup bei. Ein beeindruckendes Résumé, das in den meisten nicht-olympischen Jahren zum Sieg gereicht hätte. Doch 1985 war kein gewöhnliches Jahr. Sportler des Jahres wurde Boris Becker, der – wie Langer – als erster Deutscher ein Grand-Slam-Turnier gewann und – wie Langer – bei einem Team-Event beeindruckte. Für das deutsche Davis-Cup-Team reichte es zwar „nur“ zum ersten Finale seit 1970. Aber Becker trug den Großteil der Last auf seinen Schultern und besiegte im Finale sogar Stefan Edberg und Mats Wilander. Becker war ein hochverdienter Sportler des Jahres.

Dass Platz zwei an Michael Groß ging, wirkt auf den ersten Blick weniger nachvollziehbar. Es war kein olympisches Jahr und es gab noch nicht einmal Weltmeisterschaften. Zudem war Groß dreimal in Folge Sportler des Jahres geworden und es wirkte, als hätten die Sportjournalisten aus Gewohnheit den Namen eingeschrieben. Aber: Bei sechs EM-Starts holte Michael Groß sechs mal Gold, darunter mit drei Staffeln. Er verbesserte die Weltrekorde über 200 Meter Schmetterling und 400 Meter Freistil. Und zum ersten und bisher einzigen Mal ging die Auszeichnung Weltschwimmer des Jahres an einen Deutschen. Groß war eine Ikone des Sports auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit und es war durchaus nachvollziehbar, ihn vor Langer einzustufen.

1993 sah die Sache allerdings ganz anders aus. Bernhard Langer hatte wieder eine vergleichbare Bilanz einzubringen. Zwar ging der Ryder Cup verloren (auch, weil Langer eine klatschende Niederlage im Einzel erhielt), aber neben dem Masters gewann der Deutsche auch noch die German Open und die Volvo PGA Championship. Es war erneut ein nicht-olympisches Jahr. Weil es nicht sein ersters Major-Sieg war, werteten es die Sportjournalisten offensichtlich ab und listeten ihn nicht mal unter den Top 3. Dort ging offensichtlich mehr um Spektakel als sportliche Leistung. Platz 3 ging an Paul Meier, der Bronze im WM-Zehnkampf holte. Ich kann mich heute noch an den Wettkampf erinnern. Es war ein großes Spektakel vor heimischer Kulisse. Ein sportliches Highlight für jeden Fernsehzuschauer. Aber es war eben auch „nur“ Bronze.

Vize-Sportler des Jahres wurde Dirk Raudies als Motorrad-Weltmeister in der 125er Klasse. Zwar ist das Bike nicht ganz so entscheidend wie das Auto in der Formel 1, aber es ist ein nicht unwesentlicher Faktor für den Sieg. Raudies holte den ersten Titel in dieser Klasse seit 1970, aber in der höheren 250er Klasse war Tony Mang 1987 Weltmeister. Natürlich ist eine Leistung über eine ganze Saison hoch einzuschätzen, aber ob dies wirklich über Bernhard Langers Major-Sieg einzustufen war, ist diskutabel.

Sportler des Jahres wurde 1993 Henry Maske. Er holte sich den WM-Titel und verteidigte ihn zwei Mal. Und: Er sorgte für massives Publikumsinteresse am Boxen mit riesigen Einschalt-Quoten. Natürlich ist die Wahl zum Sportler des Jahres bei nicht unmittelbar vergleichbaren Leistungen am Ende ein Popularity Contest. Aber hätte Bernhard Langer 1993 den Titel geholt, hätte sich niemand beschweren können, dass es unverdient sei.

Was uns zum Jahr 2017 bringt. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragt Brunnthaler. Und tatsächlich ist das Resumee von Bernhard Langer im Jahr 2017 herausragend. Von den fünf Senioren-Majors konnte Langer drei für sich entscheiden – so viele wie noch nie in seiner Karriere. Er ist nun alleiniger Rekordhalter für Senioren-Majors. Er gewann vier weitere Turniere, hatte den besten Schlagdurchschnitt, gewann 37,5% mehr Preisgeld als der Zweitplatzierte und holte sich damit zum neunten Mal in zehn Jahren die Geldrangliste. Und in Kürze wird er zum vierten Mal in Folge und zum siebten Mal insgesamt Spieler des Jahres. Und das wohlgemerkt gegen eine Konkurrenz, die bis zu zehn Jahre jünger ist als er. „Kein Franz Beckenbauer, kein Boris Becker, kein Michael Schumacher konnte sich über 40 Jahre in der absoluten Weltspitze halten“, folgert Brunnthaler als Argument. Doch da sind wir bei der entscheidenden Frage: Hat sich Bernhard Langer wirklich in der absoluten Weltspitze gehalten?

Bei allem Respekt für Langer: Er spielt auf der Senioren-Tour. Niemand diskutiert über Helga Nauck (Tennis-Weltmeisterin V55) als Sportlerin des Jahres oder die SG Hoechst Classique (Fussball Ü-40) als Team des Jahres, weil die Journalisten bereits für eine Nominierung aus dem Saal gelacht würden. Nur die Golfer denken, dass die Dominierung des Senioren-Circuits einen Golfer auf eine Ebene mit Dustin Johnson oder Justin Thomas hebt. Zwei Mal hat Bernhard Langer in diesem Jahr den Kontakt mit der Weltspitze gesucht – beide Male hat er den Cut verpasst. Bei der Players Championship und beim Masters fehlten ihm drei Schläge zum Wochenende. Wie kann man da ernsthaft darüber diskutieren, Langer wäre noch Weltspitze? Er war in beiden Turnieren ja nicht einmal der beste Deutsche, diese Ehre gebührt Martin Kaymer.

Es wäre schön, wenn wir bei allem Respekt vor der Lebensleistung von Bernhard Langer und der Leistung in diesem Jahr das Verhältnis wahren würden. Wenn Golfer jedes Jahr für irgendjemanden eine Berücksichtigung als Sportler des Jahres fordern, macht man sich unglaubwürdig, wenn es denn wirklich einmal wieder jemand verdient hat. Bernhard Langer ist der mit Abstand beste Golfer der Welt über 50 Jahre. Vermutlich ist er sogar der beste Sportler der Welt in dieser Altersklasse. Das macht ihn aber nicht zum Sportler des Jahres.

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