Der Castle Course: Die Null von St. Andrews

Unsere Bewertung

4 Linksgolfer

Erklärung der Bewertungsskala

Im letzten Jahr kam der Castle Course von St. Andrews zu zweifelhafter Berühmtheit. Tom Doak, bekannter Golfarchitekt und Erfinder des Top-100-Rankings von Golf Magazine, verpasste dem von David McLay Kidd designten Platz in der Neuauflage seines Confidential Guide to Golf Courses die absolute Höchststrafe: als einziger Platz der britischen Inseln bekam er eine Null verpasst, was ein gefundenes Fressen für die Medien war.

Nun heißt eine Null allerdings nicht, dass der Castle Course der schlechteste Platz der Welt ist. Vielmehr ist diese Zahl im Bewertungsschema für eine spezielle Gattung von Plätzen reserviert, die „so künstlich und unnatürlich sind, dass sie einem den Geist vergiften. Reserviert für Plätze, für die beim Bau eine lächerliche Summe an Geld rausgeworfen wurde und deshalb besser nicht gebaut worden wären“ – oder anders ausgedrückt: Winston Links.

Nun ist in diesem Fall die Bewertung aus mehreren Gründen mit Vorsicht zu genießen: zum Einen ist McLay Kidd einer der größten Mitkonkurrenten von Doak (und schnappte ihm kurz nach Veröffentlichung des Buchs den Auftrag für den zweiten Platz in Sand Valley, Wisconsin weg), zum anderen bewerten zwei von Doaks Co-Autoren den Castle Course mit 5/10 Punkten. Dies entspricht eher der Realität, allerdings muss man zu Doaks Ehrenrettung sagen, dass er andere Konkurrenten wie Coore/Crenshaw oder Gil Hanse mit Lob überschüttet und im Allgemeinen zwar meinungsfreudig, aber nie kleinkariert aufgetreten ist.

Seine Begründung der Null für den Castle Course liest sich so: „Die Grüns sind riesig und wild, und es ist schwer vom Abschlag die Strategie zu erkennen. Die extreme Schräge des Landes und die Größe der Grüns führen zu einer Vielzahl von Rettungsschlägen auf Grüns, die für die meisten Spieler eine Liga zu hoch sind, und die mondartige Landschaft des Platzes ist nur ansprechend, wenn man sich von ihr abwendet und auf die Stadt auf der anderen Seite der Bucht schaut. Der Versuch Kingsbarns zu übertreffen, erwies sich als eine Formel für Übertreibung.“

Tatsächlich kann man einiges davon unterschreiben. Wenn man aus der Stadt zum Castle Course hinauf fährt, passiert man ganz normale, landwirtschaftliche Flächen – bis man auf einmal die Auffahrt zum Golfplatz erreicht und quer durch eine mondartige Dünenlandschaft fährt. Anders als beim ebenfalls vollkommen künstlichen Kingsbarns hat man es versäumt, den Castle Course glaubwürdig in die Landschaft einzubetten. Auch die Kritik an den exzessiv ondulierten Grüns trifft ins Schwarze. Es gibt eine Grenze zwischen herausfordernd und absurd. Und diese ist an einigen Löchern deutlich überschritten – und das obwohl die Grüns schon diverse Male abgesoftet wurden.

Immerhin hat McLay Kidd darauf verzichtet, die Schwierigkeit durch zu enge Fairways noch zusätzlich zu erhöhen. Bei Windstille gleichen die Fairways Landebahnen und selbst bei Wind hat man noch eine faire Chance, auf dem Kurzgemähten zu landen. So übertrieben die Grünkomplexe auch sind: unfair oder gar unspielbar ist der Platz keineswegs – an dieser Stelle muss man Doak widersprechen. Spielen will man ihn allerdings auch nicht. Und hier kommen wir zum größten Problem für den Castle Course: seine Lage.

Würde exakt dieser Platz irgendwo in Norddeutschland existieren, er würde vermutlich an den deutschen Top 10 kratzen. Hier gehört er nicht einmal zu den Top 10 des Councils Fife. Dies zeigt sich auch darin, dass man ohne weiteres eine Startzeit bekommen kann, während auf Old Course, New Course und Jubilee Course die 4er Flights dicht gedrängt vom Starter auf die Runde geschickt werden. Ein Grund dafür ist sicher, dass die anderen Plätze direkt aus dem Stadtzentrum von St. Andrews zu Fuß erreichbar sind, während man zum Castle Course erst einige Kilometer mit Auto (oder Bus) herausfahren muss. Aber auch die Tatsache, dass man hier kein stimmiges Linksgolf-Erlebnis hat, ist ein Faktor. Weil die Drainage nicht so perfekt ist, wie unten in der Stadt, spielt sich der Platz nicht immer ultraschnell und -hart, wie man es von einem Links gewohnt ist.

Das einfachste Mittel, diesen Nachteil auszugleichen, wäre es, das Greenfee nach unten anzupassen. Doch weit gefehlt: Während man auf Jubilee und New Course in der Hochsaison 75 Pfund zahlen muss, werden auf dem Castle Course 120 Pfund aufgerufen. Eine absurde Summe für diesen Platz. Nicht, dass es hier keine guten Löcher gibt. Die Bahn 6 wirkt beispielsweise wie eine Hommage an die legendäre 5 von New South Wales mit einem blinden Drive über eine Kuppe und dem sich danach öffnenden Blick aufs Wasser. Dass man vom Grün einen atemberaubenden Blick auf St. Andrews hat, ist noch ein Bonus. Auch die 9, ein bei Rückenwind mit dem Drive erreichbares Par 4, das ein phänomenales Doppelgrün mit der ebenfalls sehr guten 18 bietet, ist ein Highlight. Seine Stärke hat der Platz allerdings auf den Back 9, wo es mit der 12 ein langes, hartes Par 4 gibt, das aber aufgrund seiner erhöhten Lage einen schönen Blick über den gesamten Platz gewährt. Die 15 gehört zu den besten Par 5s in St. Andrews, und die 16 wäre ein sehr gutes Par 4, wenn man dort nicht eines der absurdesten Grüns überhaupt hingebaut hätte. In Erinnerung bleibt auf dem Castle Course aber vor allen Dingen die 17: ein 150-160 Meter langes Par 3, das sich meist stramm in den Wind spielt und – wenn man das Grün direkt angreift – komplett carry genommen werden muss, da es über eine mächtige Schlucht führt. Das cleverere Spiel ist es allerdings weiter links Richtung Bunker anzuhalten, da der Ball von dort in Richtung Grün geführt wird.

Ob es sich für diese 6 1/2 guten Löcher lohnt, das Greenfee zu zahlen, muss jeder selber wissen. Die meisten Spieler, die sich auf dem Castle Course einfinden, sind entweder Komplettisten, die alle Plätze von St. Andrews gespielt haben wollen; Verzweifelte, die ansonsten keine Startzeit unten im Ort bekommen haben; oder Vermögende, die eine amerikanische Atmosphäre lieben, denn das Clubhaus ist eine kleine Luxuseinrichtung mit exzellentem Service, einer hervorragenden Umkleidekabine und einer guten Bar. Allein für das Golfspiel gibt es in Fife aber deutlich bessere Möglichkeiten, 120 Pfund loszuwerden.

Gespielt am: 21.9.2015

Dischlaimer: Dieser Bericht entstand im Rahmen einer Einladung. Anreise, Logie und Greenfee wurden gestellt.

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