Die Par-Obsession der US Open

Die US Open ist in den Büchern. Mit Brooks Koepka hat der absolut dominierende Spieler gewonnen. Er hat mit grandiosem Spiel auf den Back 9 die US Open an sich gerissen. Ach ja. Und er hat mit 16 unter Par gewonnen. Wir sollten uns auf das Sportliche beschränken und uns über ein großartiges Turnier mit einem großartigen Sieger freuen. Aber nein, der Tenor bei den Golf-Experten an den Computer-Tastaturen ist nur einer: das war einer US Open unwürdig.

Zu leicht, die Stars sind verweichlicht, Turnierdirektor Mike Davis hat die Ideale der Veranstaltung verraten. Das war keine US Open, allenfalls eine Greater Milwaukee Open, vielleicht sogar eine John Deere Classic. Das sind nur einige Stimmen im Nachlauf des Turniers, bei dem zum ersten Mal in der Geschichte die ersten drei der Weltrangliste nach zwei Runden wieder nach Hause fahren mussten. Und alles nur, weil hinter dem Namen Brooks Koepka eine 16 in roten Ziffern steht.

Die Kontroverse begann bereits zu Beginn der Woche als sich Kevin Na und einige andere Kollegen über das Rough in Erin Hills beschwerten. Das Echo im Netz für den ohnehin verhassten Na war katastrophal. Auch dank einiger Medienvertreter. Statt einfach mal journalistisch zu hinterfragen, ob an Nas Kritik was dran ist, wurden populistische Hau-Drauf-Artikel verfasst, wie im Golf Magazin oder der New York Post. Ja sogar Kollegen wie Gelegenheitsgolfer Rory McIlroy schossen sich auf Na ein: „Wir haben 55 Meter breite Fairways. Wenn Du hier nicht das Fairway triffst, solltest Du Deine Sachen packen und heimfahren“. Und nur um seinen Punkt zu beweisen, traf McIlroy in der ersten Runde die wenigsten Fairways und fuhr wieder heim.

Dabei hatte Na vollkommen Recht. Natürlich darf ein US Open Platz brutalstes Rough haben, das schlechte Schläge bestraft. Aber genau das tat das Rough in Erin Hills eben nicht. Weil sich Beregnungsanlagen aufgrund des Windes nun mal nicht an Fairwaygrenzen halten, bekommen die ersten 2-3 Meter Rough mehr Wasser als der Rest. Wenn man dann wie die USGA nicht vorausschauend ausdünnt, passiert folgendes: Wer seinen Ball einen Meter ins Rough schlägt, findet ihn schlechtestenfalls nicht wieder und kann ich bestenfalls nur raushacken. Wer seinen Drive hingegen zehn Meter weiter verzieht, also einen schlechteren Schlag gemacht hat, bekommt eine tolle Lage in sehr dünnem Rough und kann in aller Regel das Grün anspielen. Bei aller Liebe zu einer schweren US Open: das kann in niemandens Interesse sein. Davon abgesehen: Es ist ja nicht so, dass das Hauptkriterium für einen US Open Sieger Drivegenauigkeit war, wie USA Today erklärt: „Driving Accuracy is the most overrated US Open Stat“. Und hier ein Fun Fact: Die diesjährige US Open hat den ersten Sieger seit Jahren hervorgebracht, der in den Top 5 für Drivegenauigkeit lag. So viel zum Thema, dass Erin Hills Fairwaytreffer obsolet gemacht hat.

Natürlich war die Anzahl der Fairwaytreffer höher als bei anderen US Open. Aber selbst die, die es ins Wochenende geschafft haben, schlugen jeden vierten Drive neben das Fairway. Und wenn man die Rory McIlroys (57%) und Jason Days (61%) dieser Woche mitzählt, war der Anteil noch höher. Und was oft vergessen wird: Nur weil die Fairways breit sind, heißt es nicht, dass Drivegenauigkeit eliminiert wird. Nicht nur, weil Jason Day erklärte, gerade weil die Fairways so breit sind, werden die Fehlschläge größer als normal. Sondern, weil die Fairways aus speziellen Gründen so breit sind. Denn je nach Fahnenposition auf dem Grün ist es ratsam, die richtige Seite der Fairways anzuspielen. Nur weil wir Freizeithacker froh sind, irgendwo auf dem Fairway zu liegen, ist es für den Profi nicht auch so. Gerade in Erin Hills, wo die Schwierigkeiten um das Grün liegen, liegt die Kunst darin, von der Fahne zum Abschlag zurück zu planen. Steckt die Fahne rechts im Grün, liegt man manchmal beispielsweise besser links im Fairway und vice versa. So zumindest die Theorie.

Das Problem an dieser Woche war, dass die Verteidigung des Platzes nicht so funktionierte, wie sie geplant war. Und dies lag nicht am Architekten oder der USGA, sondern schlicht und einfach an Petrus. Erin Hills bekam in dieser Woche das Worst Case Scenario. Der Platz ist darauf ausgelegt, sich hart und schnell zu spielen und eine große Verteidigung ist der Wind. Wie die aussieht, sah man ansatzweise am Sonntag als sich anfang eine echte Brise bildete und die Scores hochschnellten. Stattdessen regnete es vor dem Turnier und immer in der Nacht, während es tagsüber trocken und windstill war, so dass die Grüns weich waren und aus jeder Lage attackiert werden konnten. Jede Strategie ist bei Profis obsolet, wenn sie Target Golf spielen können. Das beste Beispiel war das Holz 3 von Justin Thomas an der 18 in Runde 3, das aus 270 Metern gerade mal fünf Meter ausrollte. Hätte sich der Platz wie geplant hart und schnell gespielt, wären bei der gleichen Anzahl an Fairwaytreffern weniger Grüns getroffen worden. Und was passiert, wenn man in Erin Hills das Grün verfehlt, haben die Profis reihenweise gezeigt, indem ihnen die Chips und Pitches wieder zurück vor die Füße rollten.

Aber das ist den meisten Zuschauern egal. Sie sehen 16 unter Par und halten den Platz einer US Open für unwürdig. Doch wer das denkt, vergisst zwei Dinge: Zum Einen ist Par nur eine willkürliche Zahl. Zum anderen hat ein Ergebnis unter Par nichts mit der Qualität oder Schwierigkeit eines Platzes zu tun. Zwei Beispiele: Brooks Koepkas Turnierergebnis von 16 unter Par hat einen US Open Rekord eingestellt. Aber es geschah auf einem Par 72. Wenn wir nach der Gesamtzahl der Schläge gehen, hat Koepka mit 272 vier mehr gebraucht als Rory McIlroy 2011. Und auch Martin Kaymer hatte 2014 mit 271 Schlägen einen weniger als Koepka. Ja, Kaymer hat in Pinehurst die Konkurrenz stärker deklassiert als Koepka in diesem Jahr. Aber der Zweitplatzierte in diesem Jahr hat bsw. genauso viel Schläge gebraucht, wie die Zweitplatzierten in 2011 und 2015.

Und schaut man sich zum Vergleich eben dieses Jahr 2011 an, als McIlroy mit 268 Schlägen gewann und sieben weitere Spieler unter 280 blieben, fällt auf, dass auch dieses Resultat den Bedingungen geschuldet war. Auch im Congressional Country Club hatte es geregnet ohne Ende und die Profis schlugen nicht Golfbälle auf die Grüns, sie warfen Darts. Das Schöne ist, dass Congressional auch nach der US Open Profiturniere austrug. Von 2012 bis 2014 war die PGA Tour mit dem AT&T National und dem Quicken Loans National zu Gast. Nun können wir davon ausgehen, dass das Setup für ein solches Turnier leichter als für eine US Open ist. Und wie waren die Scores der Sieger? Tiger Woods brauchte 276, Bill Haas 272 und Justin Rose 280. Allesamt deutlich mehr als McIlroy bei der US Open. Nein, Congressional ist kein zu leichter Platz. Er wurde 2011 Opfer der Umstände – genau wie Erin Hills in diesem Jahr.

Alle, die jetzt über Erin Hills, Turnierchef Mike Davis oder die Architekten des Platzes schimpfen, verkennen das wahre Problem: der verdammte Golfball fliegt einfach zu weit. Denn die engen Fairways und absurd schnellen Grüns früherer Jahre haben nur die Symptome bekämpft, nicht die Ursachen. Wenn die Profis reihenweise ein 270 Meter langes Par 4 mit einem locker geschwungenen Holz 3 driven als würden sie ein Pitching Wedge ins Grün schlagen, sollte auch der Letzte erkennen, dass die Plätze länger und länger werden können und die Score trotzdem niedriger und niedriger werden. Alles, was die USGA mit ihren bisherigen Methoden ausprobiert hat, war Augenwischerei. Aus diesem Grund sollte man dankbar dafür sein, dass die Scores so niedrig waren und darum beten, dass in Zukunft auch Shinnecock Hills (Rekord bisher: 276 Schläge), Pebble Beach (272) und Winged Foot (276) auseinandergenommen werden. Denn dann gestehen sich vielleicht auch die USGA und alle anderen, wo das eigentliche Problem liegt.

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