Die SZ-Beilage, Tiger Woods und die US-Einschaltquoten

Tiger Woods und die US-Einschaltquoten sind eine Geschichte für sich: Jahrelang haben wir immer wieder gehört, wie wichtig Woods für das wirtschaftliche Wohl des Golfsports ist. Doch in der letzten Ausgabe von „golf spielen“, der Golf-Beilage der Sueddeutschen Zeitung, belegt Frieder Pfeiffer auf Seite 22, dass der Untergang des Golfsports aufgeschoben wurde. Unter der Überschrift Nach Tiger keine Sintflut sammelt Pfeiffer Argumente, wie gut es der Tour trotz der langen Auszeit des ewigen Superstars geht. Das zentrale Argument dafür bieten ihm die Einschaltquoten im US-Fernsehen.

Im meistgesehenen Turnier der vergangenen Saison abseits der Majors, dem WGC in Ohio, war Tiger Woods schon vor dem Sonntag zwölf Schläge zurück, später gab er verletzt auf. Es gewann: Rory McIlroy. Das Finale eine Woche später bei der PGA Championship hatte die besten Einschaltquoten seit 2009. Woods? Am Wochenende nicht mehr dabei. Sieger: Roy McIlroy. Und die Tour Championship hatte 2014 ohne Woods mehr Zuschauer als 2013 mit ihm.

Es ist duchaus möglich, dass die Schlussfolgerung von Herrn Pfeiffer völlig korrekt ist. Doch wie wir alle aus Mathearbeiten wissen, gibt es keine volle Punktzahl wenn das Ergebnis stimmt, der Rechenweg aber völlig falsch ist. Denn wie es scheint, hat der Autor einfach willkürlich passende Zahlen gesammelt, dabei aber eine völlige Unkenntnis über das amerikanische TV-System an den Tag gelegt und die teilweise besonderen Umstände der Turniere ignoriert. Ein Beispiel: So könnte man beispielsweise mit Zahlen belegen, dass das Pebble Beach Pro-Am 2015 um 33% bessere Quoten als im Jahr 2014 hatte. Doch wer daran eine steigende Popularität des Turniers festmacht, würde vergessen, dass 2014 die Olympischen Winterspiele als Gegenprogramm die Quoten drückten. Und solche Probleme haften auch den in „golf spielen“ genannten Zahlen an.

Beginnen wir einmal mit dem WGC in Ohio, in Fachkreisen auch als Bridgestone Invitational bekannt. Anders als im Artikel behauptet, war es nämlich nicht das meistgesehene Nicht-Major des Jahres. Das Bridgestone Invitational war mit einem Rating von 3.0 (in den USA sind die Hauptwährung für Quoten sogenannte Rating Points) zwar stark, die Cadillac Championship war allerdings mit einem 3.4-Rating noch eine ganze Ecke stärker. Und warum Herr Pfeiffer gerade in diesem Fall den Vergleich zum Vorjahr weglässt? Nun, weil er seine Argumentation unterminiert hätte. Denn 2013, als Tiger Woods gewann, hatte die Schlussrunde ein Rating von 3.8 – um 27% höher. Die dritte Runde stürzte 2014 sogar noch stärker ab, von 3.0 auf 1.9. Und die Nummern wären vermutlich noch schlechter gewesen, wenn der Start der Schlussrunde nicht wegen Regens um 80 Minuten verschoben worden wäre. Der letzte Putt fiel um 19.45 Uhr Ostküstenzeit – und eine goldene Regel lautet: Je näher die Golfübertragungen an die Primetime heran rücken, umso besser sind die Quoten, weil viele Leute einschalten, die auf das eigentlich geplante Programm warten.

Das ist auch die Erklärung für das zweite Argument: die besten Quoten für die PGA Championship seit 2009. Aufgrund heftiger Regenfälle kam es zu ständigen Verzögerungen, so dass die Startzeiten für die Schlussrunde um sage und schreibe 84 Minuten nach hinten geschoben wurden. Erst um 16.19 Uhr Ostküstenzeit gingen die Führenden auf die Schlussrunde. Am Ende war es so dunkel, dass man nur mit Tricksereien die Runde überhaupt fertig bekam. Als Folge spülte die Golfübertragung CBS in die Zeit, in der eigentlich eine Wiederholung von „60 Minutes“ geplant war, die selbst in den sogenannten Reruns noch enorme Quoten einfährt. Hinzu kam, dass es bis kurz vor Schluss noch so aussah, als könne Phil Mickelson die Wanamaker-Trophy holen. Und wenn einer in den USA neben Woods die TV-Massen bewegt, dann Phil the Thrill.

Schließlich wäre da ja noch die Tour Championship, die ohne Woods mehr Zuschauer als mit ihm hatte. Oder wie es in Zahlen ausgedrückt aussieht: die Tour Championship 2014 hatte ein Rating von 1.7, die von 2013 eines von 1.6. Ein sensationeller Höhenflug. Seriöse Journalisten hätten bei so knappen Differenzen vielleicht mal einen Blick auf die gesamten Playoffs geworfen, schließlich war Woods bei keinem der vier Turniere dabei. Aber dann hätte Herr Pfeiffer ja womöglich die gleiche Erkenntnis gewonnen, wie Sports Media Watch:

Die Tour Championship war das erste und einzige Event der diesjährigen FedEx-Cup-Playoffs, das für die dritte oder finale Runde eine gestiegene Einschaltquote hatte.

Tatsächlich hatten zwei der vier Playoff-Turniere sogar die schlechtesten Quoten seit 2008. 2008? War da nicht was? Ach ja, damals nahm Woods auch nicht am Playoff teil, weil er ein gebrochenes Bein hatte. Man kann sich also des Eindrucks nicht erwehren, dass eine gewisse Agenda hinter dem Artikel steckt. Zumal es abseits der genannten Beispiele noch sehr viele Zahlen gibt, die das geschriebene zumindest in Frage stellen. Wer ebenso fahrlässig mit den Quoten umgeht wie Herr Pfeiffer, könnte beispielsweise die von Martin Kaymer gewonnene Players Championship anführen. Als Woods 2013 gewann, hatte die Schlussrunde ein Rating von 5.7. Als Kaymer gewann, brach sie um mehr als die Hälfte auf 2.6 ein. Doch eine realistische Analyse weist zugleich auch auf die 50-minütige Regenunterbrechung hin, die viele Zuschauer abschalten ließ, da Kaymer wie der sichere Sieger aussah.

Wetterunabhängig brachen hingegen die Quoten beim zweiten dominanten Kaymer-Sieg ein. Die U.S. Open hatte mit einem 3.3-Rating möglicherweise die niedrigsten Einschaltquoten ihrer Geschichte. Im Jahr davor, als Woods zumindest im Mittelfeld dabei war, lagen sie noch bei 6.1. Ähnliche Analysen über den Woods-Effekt lassen sich fast für alle relevanten Turniere aufstellen:

Memorial Tournament
2012 (Woods-Sieg): 3.8
2013 (64.): 2.2
2014 (nicht dabei): 2.4

Farmers Insurance Open
2013 (Woods-Sieg): 3.7
2014 (80.): 2.3
2015 (WD): 2.5

Cadillac Championship
2013 (Woods-Sieg): 4.4
2014 (25.): 3.4
2015 (nicht dabei): 2.6

Völlig ad absurdum führt die These von „golf spielen“ schließlich eine Analyse der gesamten Einschaltquoten des Jahres 2014 wie sie Fox Business durchgeführt hat:

Im letzten Jahr waren die Quoten auf der PGA Tour furchtbar. Die durschschnittlichen Wochenend-Quoten bei NBC fielen um 18%, CBS sah einen Verlust von 14% und sogar der Golf Channel erlebte einen 9%-Abfall.

Man muss Tiger Woods nicht mögen, aber seinen Einfluss auf die Golf-Einschaltquoten in den USA kann man einfach nicht in Abrede stellen. Ansonsten macht man sich nur lächerlich. Und das ist das eigentlich Traurige an diesem Artikel. Denn es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass die PGA Tour auch ohne Woods sehr wohl auf soliden Füßen stehen kann – besonders mit einem US-Liebling wie Jordan Spieth in der Warteschleife. Sich für einen solchen Artikel Einschaltquoten hinzubiegen wie es einem passt, ist daher einfach nur eins: pure Faulheit.

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