Die Wiedergeburt der Michelle Wie

Jeder weiß, dass Kinder am besten spielerisch an einen Sport herangeführt werden. Wenn man Druck auf sie ausübt, schalten sie entweder auf stur oder brechen später einmal jeden Kontakt zum sie quälenden Elternteil ab – das beste Beispiel dafür ist der Amerikaner Sean O’Hair.

Auf einem ähnlichen Weg befand sich Michelle Wie. Von ihrem Vater seit Kindesbeinen auf Erfolg gedrillt, zu Auftritten bei Männer-Events gedrängt, als weiblicher Tiger Woods (inklusive Millionen-Vertrag von Nike) aufgebaut und während der Turniere vom Rest der Welt isoliert, war sie vermutlich einer der einsamsten Menschen im Golfsport. Doch der Solheim Cup hat sie aus ihrem Cocon herausgeholt.

Wenn Michelle Wie in diesem oder im nächsten Jahr ihren ersten Sieg seit ihrem Amateur-Titel mit 13 Jahren einfahren sollte, gebührt ein Teil des Verdienstes der amerikanischen Solheim-Kapitänin Beth Daniels. Die verfügte vor dem letzten Wochenende, dass Wies omnipräsente Eltern absolutes Verbot in der Kabine und bei Mannschaftsbesprechungen haben – und siehe da: Die Teamkolleginnen der 19-jährigen und der Rest der Welt bekamen eine Wie zu Gesicht, die sie noch nie zuvor gesehen hatten.

Da war zuerst einmal der sportliche Aspekt: Obwohl sie nur als Captain’s Pick ins Team gerückt war, durfte Wie in vier der fünf möglichen Matches antreten – und verlor nicht einmal. Mit 3,5 Punkten war sie die erfolgreichste Spielerin auf beiden Seiten und der alles überragende Star des Solheim Cups. Am entscheidenden Sonntag setzte Beth Daniel sie sogar im vorentscheidenden dritten Einzel ein. Als Wie ein hochklassiges Match gegen Helen Alfredsson mit 1 up gewann, setzte Wie einen richtigen Nadelstich gegen die Europäerinnen und verschaffte Team USA eine fast nicht mehr aufzuholende Führung. Dabei überzeugte Wie nicht nur mit ihren Monster-Abschlägen (an einem Par 5 setzte sie einen über 300 Yard langen Abschlag ins Fairway und hatte nur noch ein Eisen 8 ins Grün), sondern mit präzisen Eisenschlägen und vor allem mit guten Putts in Drucksituationen – etwas, was zuvor als ihr wunder Punkt angesehen wurde.

Viel entscheidender für ihre zukünftige Karriere dürfte jedoch das gewesen sein, was sich zwischen den Schlägen und abseits des Grüns abspielte. Laut verschiedener Stimmen aus den Pressekonferenzen erwies sich Wie als echte Stimmungskanone, die für jeden Scherz zu haben war. Und auf dem Platz entwickelte das meist unterkühlt wirkende Küken der Mannschaft ein nie dagewesenes Feuer. Sie ballte ihre Faust bei guten Schlägen, animierte das Publikum, feuerte während ihrer Pausen die Teamkolleginnen an und entwickelte mit ihrer Partnerin Christie Kerr sogar einen ausgeklügelten Handschlag. Der mag zwar kindlich albern ausgesehen haben, doch er zeigt eindrucksvoll, wie sehr die vor kurzem von ihren Kolleginnen noch geschnittene Wie von der Mannschaft akzeptiert wurde.

Es verwundert daher nicht, dass sowohl die Mannschaftskameradinnen als auch Beth Daniel prognostizieren, dass der langerwartete erste Profi-Sieg von Wie nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Die Frage wird jedoch sein, ob sie diese Stimmung und dieses Momentum mitnehmen kann. „Ich hatte noch nie so viel Spaß, Golf zu spielen“, diktierte sie während des Solheim Cups in die Notizbücher der Journalisten. Genau diese Freude war es, die ihr in den vergangenen Jahren abhanden gekommen war. Es wäre schön, wenn sie diesen neugefundenen Spaß zum Anlass nimmt, etwas selbständiger auf der Tour zu werden und nicht immer nur nach der Pfeife anderer zu tanzen. Denn machen wir uns nichts vor: Michelle Wie braucht das Frauengolf genauso wie das Frauengolf Michelle Wie braucht. Als eine der am leichtesten zu vermarktenden Stars könnten einige Siege von ihr der dahinsiechenden LPGA-Tour neuen Schwung und neue Sponsoren bescheren. Doch bei aller Freude über die Leistungen von Wie sollte man eines klarstellen: ein weiblicher Tiger Woods wird sie nie werden. Dazu hat sie viel zu viel Spaß an Team-Events.

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