„Du machst auf jeden Fall Verlust“ ODER Das harte Leben auf der Pro Golf Tour

See that look in their eyes, Rock? You gotta get that look back, Rock. Eye of the tiger, man.  – Apollo Creed in „Rocky III“

mklawitterNoch vor nicht allzu langer Zeit hat Moritz Klawitter bei McDonald’s in Schwerte geschuftet. Jetzt steht der 24-Jährige am Abschlag des GC Bergisch Land in Wuppertal und geht seinem neuen Beruf nach: Seit diesem Jahr ist Moritz Spieler auf der Pro Golf Tour, die früher mal auf den Namen EPD Tour hörte.

„Ich liebe diesen Club“, sagt Moritz an diesem sonnigen Tag mehrfach. Als 17-Jähriger kam er in den GC Bergisch Land und kämpfte sich dort von der Jugend- in die Herrenmannschaft hoch. Ein Jahr arbeitete er hier als Greenkeeper. Er kennt den 18-Loch-Kurs wie seine Westentasche – und hielt für lange Zeit den Platzrekord von 6 unter Par. Sollte er irgendwann mal als Profi Millionen scheffeln, dann würde er den Club daran teilhaben lassen. „Ich vergesse meine Wurzeln nicht“, verspricht Moritz.

Im Clubhaus hängt eine Tafel mit den Namen ehemaligen Clubmeister. Martin Kaymer verewigte sich  hier 2002 und 2004. Moritz sicherte sich den Titel 2009 und 2010.
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„Hier haben so viele gute Pros gespielt, da ist es für die Mitglieder nichts besonderes mehr“, sagt Moritz.  Im Club würde ihn nach einer guten Runde oder einem guten Schlag niemand in den Himmel loben.  „Wenn ich auf dem Platz trainiere, dann hat hier eigentlich jeder Verständnis für mich.“ Und Moritz ist derzeit viel auf dem Platz.

Golf ist für ihn jetzt harte Arbeit. Sechs bis acht Stunden trainiert Moritz inzwischen täglich. „Erst danach kommt das Vergnügen“, sagt er. Seinen Tagesablauf hat er sich deshalb strikt eingeteilt.

Wenn er morgens im GC Bergisch Land ankommt, schlägt er sich erst einmal 30 bis 60 Minuten auf der Driving Range warm. Danach geht er drei bis vier Stunden über den Platz. Immer mit einer anderen Aufgabenstellung. „Mal spiele ich nur Fades, mal keine Hölzer und mal alle Löcher von den Damenabschlägen“, sagt Moritz. „So kann ich mich auf viele unterschiedliche Spielsituationen einstellen.“

Die Mittagspause verbringt Moritz im Clubhaus und macht sich ein einfaches Mittagessen in der Mitarbeiterküche warme. Danach geht es noch ein paar Stunden weiter mit gezielten Übungen wie „Break 21“ oder „All In My Bag“ (siehe Infografik).  „Ich trainiere im Moment vor allem die Längenkontrolle“, sagt Moritz. Damit hätte er sich vor seiner Profikarriere nie wirklich beschäftigt.allinmybag

Wenn Moritz nach sieben oder acht Stunden den Club verlässt, ist noch lange nicht Feierabend. „Meist gehe ich dann ins Fitnessstudio“, erklärt Moritz. Einen Personal Trainer hat der 24-Jährige nicht. Der Jungpro bedauert das. „Mit auf mich zugeschnittenen Übungen und einem Ernährungsplan könnte ich wahrscheinlich zehn Meter länger schlagen“, sagt er. „Aber für einen Fitness-Coach fehlt mir einfach die Kohle.“

Das Geld ist bei Moritz überall knapp. Seine Eltern sind Lehrer. „Die könnten mir gerade mal eine Turnierteilnahme bezahlen“, erklärt Moritz. Im Club haben sich zwei Gönner gefunden, die ihn zum Start unterstützen. 25.000 Euro sind so zusammengekommen, aber das finanzielle Polster schrumpft schneller als gedacht.

„Die laufenden Kosten sind extrem“, sagt Moritz (siehe Infografik). Um sich selbst ein kleines Gehalt von 400 Euro im Monat zu zahlen, benötige er eigentlich ein Jahresbudget von 40.000 Euro. „Dann könnte ich auch mal wieder mit gutem Gewissen ins Kino gehen.“

Wenn man den Traum leben möchte und keine reichen Gönner oder Eltern habe, müsse man seine Ansprüche halt runterschrauben, sagt Moritz. „Mir ist es scheißegal wie das Hotelbett aussieht.“ Für ihn bedeuten das Tourleben: Sparen, wo es nur geht. Auch bei der Kleidung. Im Moment trägt er einfach seine alten Mannschaftsklamotten auf dem Golfplatz. „Gottseidank wohne ich zuhause“, sagt er.  „Miete muss ich zum Glück nicht zahlen.“

Von den Preisgeldern auf der Pro Golf Tour wird keiner reich. Für den ersten Platz gibt es 5000 Euro. Der letzte im Geld kriegt meist nur um die 150 Euro. „Selbst wenn du immer vorne mitspielst, machst du auf jeden Fall Verlust“, sagt Moritz. „Es geht nur um die Karte für die Challenge Tour.“ Das sei der einzige Ansporn.

Natürlich gebe es auch jede Menge deutsche Nachwuchs-Profis, die keine Geldsorgen hätten. „Es gibt Jungs, deren Problem besteht darin, welche Uhr sie zum Abendessen anziehen“, erzählt Moritz.  Die würden schon mit 21 Jahren Luxuskarossen fahren und sich das Abenteuer Profigolf von Mama und Papa sponsern lassen.

MEHR INFO: Offizielle Webseite von Moritz Klawitter

Auch vom Deutschen Golf Verband erfährt Moritz keine Unterstützung. „Der DGV hat seine Lieblinge“, sagt er. „Alle anderen fallen durchs Raster.“

Bei seinen ersten beiden Profi-Turnieren in Türkei ging fast alles schief. Die Vorbereitung stimmte nicht, seine Golfschläger gingen auf dem Flug verloren, ein Unwetter sorgte für Verzögerungen – Moritz verpasste beide Male den Cut.

„Dabei war ich beim ersten Abschlag als Profi viel entspannter als Amateur“, sagt Moritz. Er habe versucht, sich mental vorzubereiten. und  Atemübungen gemacht. „Ich war total entspannt und frei beim Spielen.“ Allerdings habe er noch zu viel um sich herum wahrgenommen und ständig auf die anderen Spieler beobachtet.

Beim Red Sea Egyptian Classic in Ägypten schaffte Moritz seinen ersten Cut und belegte den 37. Platz. Der Lohn der Arbeit in Afrika: 311 Euro. Ein Tropfen auf den heißen Stein.klawitterkosten

Was Moritz fehlt, sind Sponsoren. Bis auf Vice, die ihn mit Bällen und auch demnächst auch Handschuhen ausstatten, konnte er bislang an dieser Front noch keine großen Erfolge verbuchen. Von Sportartiklern wie Titleist und Taylormade gab es nur Absagen. Die würden sich für kleine Pros wie ihn nicht interessieren, erklärt Moritz. „Mir fehlen die Connections, ich kenne die richtigen Leute einfach nicht.“

Bislang konnte nicht einmal ein regionales Autohaus als Sponsor gewonnen werden, um mit einem fahrbaren Untersatz zu den Turnieren zu gurken. „Dabei haben meine Berater und ich denen ein rundes Konzept mit allerhand guten Argumenten vorgelegt“, sagt er. Ein Unternehmer schrieb in seiner Absage, dass Golf nicht das richtige Image für seine Zielgruppe habe.

Drei Jahre gibt sich Moritz Zeit für das Projekt Profigolf. Sollte ihm vorher das Geld ausgehen, dann würde er vorerst auf Turniere verzichten, weiter Sponsoren suchen und sich mit 400-Euro-Jobs über Wasser halten. „Das wird dann halt hart“, sagt Moritz. „Aber so ist das Leben.“

Irgendwann müsse man allerdings der Realität  ins Auge sehen. „Man kann nicht jeden Tag trainieren und jeden Tag Schulden machen“, sagt Moritz. „Dann muss man leider aufhören.“

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