Ehrenmann Ernie Els und Schummler Branden Grace

Zwei interessante Regelfälle sorgten bei der BMW PGA Championship für Aufsehen – und in den sozialen Netzwerken sowie bei den Profikollegen für Aufruhr. Der Erste passierte Ernie Els. In der ersten Runde hatte der Südafrikaner eine so miese Lage im Rough erwischt, dass er seinen Ball aufheben musste, um ihn zu identifizieren. Els markierte ihn regelkonform, legte ihn regelkonform zurück und chippte aus der Lage zum Eagle ein. Eine sportliche Leistung, die ihm selber nicht geheuer war. Els rief einen Offiziellen herbei und sagte ihm, er habe so guten Kontakt zum Ball gehabt, dass er ihn nicht hundertprozentig in die ursprüngliche Lage zurückgelegt haben konnte. Der Offizielle sagte Els, er könne das nur selber entscheiden – und der ehemalige Weltranglisten-Erste gab sich selber zwei Strafschläge.

Auf Twitter überschlugen sich Fans mit Lob:

Els‘ Landsmann Branden Grace erhielt hingegen eine komplett gegenteilige Reaktion für sein Ausnutzen der Golfregeln.

Auch Sky-Kommentator Paul McGinley redete sich regelrecht in Rage über den Free-Drop für Grace, nachdem dieser mit den Füßen im Sand auf die Gummiunterlagte gestoßen war. Die Rollen nach der BMW PGA Championship waren also klar verteilt: Branden Grace ist ein Schurke übelster Art, der Judge Smails der European Tour.
Ernie Els dagegen ist ein Ehrenmann höchster Güte. Die Verkörperung des Ideals eines Golfspielers. Der Beweis, dass „wir Golfer“ einfach besser sind als andere Sportler. Ach, wenn es doch so leicht wäre.

Dass sich so viele über den Free-Drop für Branden Grace echauffierten, liegt nur daran, dass die dabei angewendete Regel so gut wie niemandem bekannt war. Wenn jemand eigentlich unspielbar in einem Busch liegt und einen Free-Drop aufgrund von Tierspuren bekommt, ist das ebenfalls eine etwas fragwürdige Erleichterung für einen schlechten Schlag. Aber als beispielsweise Bubba Watson dies bei der Phoenix Open gewährt bekam, regte sich niemand darüber auf. Denn selbst Amateure kennen diesen legalen Trick, sich aus einer brenzligen Lage zu befreien.

Und diejenigen, die Ernie Els auf ein Podest tragen, sollten aufpassen, dass sie sich dabei keinen Bruch heben. Denn wie so oft ist es mit dem Gedächtnis eine trügerische Sache. Wir erinnern uns meist nur an das, was gerade passiert ist und verdrängen die Vorgeschichte. Vor 13 Jahren verzog Els beim Masters seinen Abschlag in die Bäume. Der Ball landete unter einigen Ästen, die einige Tage zuvor bei einem Eissturm heruntergefallen waren. Els fragte einen Offiziellen, ob er Erleichterung bekommen würde und erhielt ein Nein. Dem Südafrikaner gefiel die Antwort nicht und er ließ einen weiteren Offiziellen kommen. Auch der verneinte das Gesuch nach Erleichterung. Schließlich wandte sich Els an Turnierchef Will Nicholson. Der urteilte Äste, die im Augusta National rumliegen, seien immer zum Abtransport vorgesehen und daher könne Els einen Drop in Anspruch nehmen. Genau wie bei Branden Grace war alles regelkonform. Aber als Schutzheiliger aller Regelfetischisten hätte Els natürlich das erste Urteil akzeptieren müssen.

So wie er es bei der US Open 1994 tat. Dort hatte Els seinen Abschlag am Schlusstag ins fette Rough verzogen. Doch zwischen ihm und der Fahne befand sich ein Kamerakran. Trey Holland entschied, es sei ein unbewegliches Hemmnis und gewährte Els Erleichterung. Wenige Minuten später fuhr der Kamerakran weg. Der Offizielle hatte eine falsche Entscheidung getroffen. Der Kran hätte als bewegliches Hemmnis entfernt und Els aus seiner ungünstigen Lage weiter spielen müssen. Das Pikante daran: Els gewann das Turnier im Playoff.

Golfregeln sind dazu da befolgt zu werden. Manchmal helfen sie, manchmal behindern sie und manchmal werden sie falsch ausgelegt. Aber ein moralisches Urteil über einen Golfer fällen zu wollen, wenn er die Regeln zu seinem Vorteil nutzt, ist höchst fragwürdig.

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