Every Shot Counts von Mark Broadie

Every Shot Counts von Mark Broadie
Every Shot Counts von Mark Broadie

Mark Broadies „Every Shot Counts“ ist das wichtigste Golfbuch, das je geschrieben wurde. Okay, das ist vielleicht ein klein wenig übertrieben. Aber in den letzten Jahrzehnten fällt mir kein anderes Buch ein, das einen ähnlichen Einfluss auf das Spiel jedes Golfers haben könnte, weil es mit unzähligen Legenden im Golfsport aufräumt – sozusagen das „Mythbusters“ unter den Golfbüchern.

Einer der ersten Sprüche, den jeder Anfänger zu hören bekommt, lautet „Drive for Show, putt for Dough“ – Drives sehen cool aus, aber die Kohle wird auf den Grüns verdient. Entsprechend wird jedem, der sein Handicap verbessern will, geraten, erst einmal stundenlang auf dem Putting-Grün zu verbringen. Doch stimmt das überhaupt? Mark Broadie beweist mit (dem bisher nur auf englisch erhältlichen) „Every Shot Counts“ das Gegenteil. Der Professor der Columbia Business School hat sein Faible für Zahlen auf sein Hobby Golf umgemünzt und damit für eine Revolution gesorgt. Die Statistik „Strokes Gained Putting“, die Broadie entworfen hat, ist mittlerweile zur ultimativen Währung auf den Grüns geworden. Und sie ist erst der Anfang: denn Broadie hat längst Statistiken in der Hinterhand, die jede Facette des Spiels objektiv bewerten können.

Klassische Statistiken oft sinnlos

Warum ist es überhaupt nötig, neue Statistiken zu entwickeln? Ein Blick auf die klassischen Statistiken zeigt, warum. Im Moment – sorry Rory, aber Du bist gerade außer Gefecht – ist Jordan Spieth der mit Abstand beste Spieler der Welt. Aber warum? In der Driving Distance ist er mit Platz 82 weit abgeschlagen. Auch seine Drive-Genauigkeit lässt zu wünschen übrig: Platz 74. Bei den Greens in Regulation sieht es besser aus, aber der dortige Platz 38 kann seine Dominanz auch nicht erklären. Und in Total Putting, einer Summe aus sechs verschiedenen Putt-Statistiken, ist Jordan Spieth auch nur 40., weil seine Statistiken innerhalb von 10 Fuß hundsmiserabel sind. Zum Vergleich: Henrik Stenson ist 5. in Drive-Genauigkeit, 56. in Distanz, 25. in Total Putting und führt die Greens-in-Regulation-Statistik an. Wie kann es also sein, dass Spieth nahezu vier Mal so viele Weltranglistenpunkte in 2015 eingefahren hat, wie Stenson? Ganz einfach: weil diese Statistiken völlig nutzlos sind.

Drive-Genauigkeit sagt nichts aus, wenn man nicht weiß, wo die Fehlschläge landen. Im First Cut? Oder im Aus? Greens in Regulation helfen nicht, wenn einer 20 Meter von der Fahne auf dem Grün landet und der andere 10 Meter von der Fahne auf dem Vorgrün. Ja, selbst die gerne genommene Proximity – also der Abstand von der Fahne sagt nichts aus. Wenn ein Spieler zwei Bälle 30 Fuß neben die Fahne legt, der andere einen Ball 55 Fuß und den anderen 5 Fuß, haben sie die gleiche Proximity. Aber aller Wahrscheinlichkeit liegt der eine Even Par und der andere 1 unter Par. Und auch Total Putting ist sinnlos, weil dazu Kategorien wie Putts aus 5-10 Fuß zählen. Ein breites Spektrum, denn aus 5 Fuß lochen die Profis im Schnitt 75% ihrer Putts, aus 10 Fuß gerade einmal die Hälfte – also 38%. Ohne zu wissen, wo der Ausgangspunkt aller Putts lag, kann man nichts definitives zur Performance sagen. Genau hier setzt Broadies „Strokes Gained Putting“ an. Es misst für jeden Putt den Ausgangspunkt und vergleicht die Anzahl der von dort benötigten Putts mit dem Rest des Feldes und objektiviert damit jeden einzelnen Putt. Und siehe da: in Strokes Gained Putting belegt Jordan Spieth auf einmal Platz 6.

Das identische Prinzip kann man auf jeden einzelnen Schlag anwenden. Alles, was man dazu braucht, ist die Ausgangslage für den Schlag (Entfernung zum Loch, Lage des Balls) und den Mittelwert für alle Profis, wieviele Schläge sie aus dieser Lage benötigen, und schon weiß man, wieviel besser oder schlechter als der Durchschnitt er war. Da Broadie mittlerweile zehntausende Runden analysiert hat, liegt ihm dieses Zahlenmaterial vor. Und auch wenn es bisher offiziell zusätzlich nur „Strokes Gained Tee to Green“ gibt (eine sinnfreie Zusammenfassung von Durchschnittsscore abzüglich Strokes Gained Putting), führt Broadie inoffiziell „Strokes Gained“ auch für Drives, Schläge ins Grün und das kurze Spiel, und veröffentlichte diese gerade bei golf.com. Ergebnis: Spieth ist 12. bei den Drives, 7. bei den Schlägen ins Grün und 6. im kurzen Spiel. Et voilà: Wir haben die Erklärung warum der 22-Jährige so dominant ist.

Putt for Show, Drive for Dough

Doch die Statistiken sind nicht nur Spielerei: Mit diesem Handwerkszeug lässt sich genau aufschlüsseln, wo die Besten ihre Vorteile herausholen. Und auch wenn es so ist, dass bei Turniersiegen ein heißer Putter sehr oft entscheidend ist: Die Basis für gutes Golf liegt ganz woanders. Gerade einmal 15% der Schlagunterschiede werden auf den Grüns erzielt und selbst das überall angepriesene kurze Spiel macht nur 19% aus. Nahezu 2/3 aller Schläge entscheiden sich im langen Spiel: 28% mit den Drives und sage und schreibe 39% bei den Schlägen ins Grün.

Nun mag man sagen: „Was interessiert mich, was die Profis spielen?“. Nun, für „Every Shot Counts“ hat Broadie hat auch tausende Runden von Amateuren verschiedenster Spielstärken analysiert. Und das faszinierende Ergebnis: Die Erhebungen lassen sich 1:1 übertragen. Auch zwischen einem Bogey-Golfer und einem Scratch-Golfer staffeln sich die Differenzen so. Wenn man einmal darüber nachdenkt, ist dies auch ganz logisch. Jeder von uns hat schon eine Runde gehabt, wo wirklich alle Putts fallen und man Profi-Niveau auf den Grüns erreicht. Aber wer von uns haut seine Drives schon 300 Yards weit? Und wer trifft 70% seiner Grüns?

Dass die meisten dennoch glauben, Putts sind am Wichtigsten, verdanken wir dem Fernsehen. Schaut man sich eine TV-Übertragung an, bekommt man zu 80% Putts zu sehen – und meistens solche, die den Weg ins Loch finden. Entsprechend entsteht der Eindruck, dass Profis so gut wie jeden Putt innerhalb von fünf Metern lochen und auch jede Menge aus zehn Metern und mehr. Die Realität könnte nicht weiter entfernt sein. 8 Fuß – gerade mal 2,45 Meter – ist die magische Grenze aus der die Profis noch jeden zweiten Putt lochen. Bei allem was weiter entfernt liegt, wird es immer weniger. Dies sind die Statistiken aus dem Jahr 2010:

  • 0,30m: 100%
  • 1,50m: 75%
  • 2,45m: 50%
  • 3,05m: 38%
  • 4,25m: 25%
  • 4,90m: 20%
  • 7,60: 10%

Aus gerade einmal 7,60 Meter fällt selbst bei Profis nur einer von 10 Bällen. Natürlich kann jeder Amateur auch auf den Grüns immer noch etwas herausholen – je schlechter man ist, umso mehr. Aber die beste Möglichkeit Putts zu reduzieren ist eine andere: man muss den Ball näher ans Loch schlagen. So absurd es auch klingt: Um die Anzahl der Putts zu reduzieren, sollte man lieber eine Stunde Eisenschläge aus 100-150 Meter trainieren als eine Stunde auf dem Putting-Grün verbringen.

Länge, Länge, Länge

Und mit noch einem Mysterium räumt „Every Shot Counts“ auf: Wie gerne wird Anfängern erzählt, sie sollen bloß die Finger von Hölzern lassen und nur mit Eisen spielen. Wie immer mag dies in Einzelfällen stimmen – jeder Golfer ist nun mal individuell – aber diese Aussage ist nicht nur viel zu pauschal, sie ist für die Mehrheit der Fälle auch kontraproduktiv. Denn so schön es auch ist, vom Fairway zu spielen: wer konsequent defensiv spielt, lässt jede Menge Schläge liegen. Ja, natürlich kostet es statistisch gesehen Schläge, wenn man im Rough statt auf dem Kurzgemähten liegt. Aber es kostet mehr, wenn man zwanzig Yards weiter hinten liegt. Ein Profi, der seinem Konkurrenten 20 Meter vom Tee abnimmt, gewinnt damit pro Runde einen Dreiviertelschlag. Bei einem durchschnittlichen Amateure machen 18 Meter Unterschied sogar pro Runde drei Schläge aus – da muss man erst einmal schlucken. Und Bomber sind keineswegs automatisch vogelwild – ganz im Gegenteil. Ja, sie verfehlen öfter das Fairway. Aber wenn man die Abweichung in Gradzahlen berechnet, sind sie sogar gerader als ihre kürzeren Kollegen. Tatsächlich empfiehlt Broadie in einem Abschlusskapitel, das der Spieltaktik gewidmet ist, in gewissen Fällen schlechteren Golfern sogar bewusst ins Rough zu zielen. Wenn auf der rechten Seite eine Ausgrenze lauert, links aber nur Rough, nimmt man das Aus aus dem Spiel wenn man weiter nach links zählt und damit die Konsequenzen für die natürliche Streuung reduziert. Denn im Aus verliert man zwei Schläge, im Rough deutlich weniger. Und wie der Titel dieses außergewöhnlichen Golfbuches bereits verrät: „Every Shot Counts“.

2 Comments

  • Reinhard Gierse sagt:

    Hallo, Rüdiger!

    Siehe hierzu auch diese Webseite zum effektiven Training von Oliver Heuler.
    http://golfschule.heuler.de/training/
    Ich stimme zwar H. Heuler nicht in allen seinen Meinungen und Ansichten zu.
    Aber hier scheint er ja wirklich richtig zu liegen.
    Und das auch schon im Jahre 2012 😉

    Liebe Grüße und allzeit „schönes Spiel“
    Reinhard

  • Jörg Goeke sagt:

    Ohne jetzt tausende von Runden analysiert zu haben, sage ich genau das schon seit Jahren: der Schlag ins Grün ist der Entscheidende, also der Moment, wo man das Grün treffen will, auf jedem Loch und egal aus welcher Entfernung. Je präziser man hier ist, desto weniger Putts braucht man (oder Chips im Falle des Verfehlens des Grüns, wobei dann auch hier beim nächsten Schlag die Regel wieder greift).

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