Golf du Médoc: Les Vignes

Unsere Bewertung

5 Linksgolfer

Erklärung der Bewertungsskala

Dass ausgerechnet ich, und nicht der geschätzte Kollege Andreas, Anfang November nach Aquitanien gereist bin, war in gewisser Weise Perlen vor die Säue geworfen. Denn die Region Médoc ist das Mekka für Fans von großartigen Weinen: und als Abstinenzler ging eine der größten Attraktionen der Gegend somit ungenutzt an mir vorbei. Hinzu kommt, dass die Bezeichnungen der 36 Löcher im Golf du Médoc für mich eher Böhmische Dörfer waren, bei Önologen und Sommeliers allerdings das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Denn sie alle sind nach Weinen der Region benannt. Die bekanntesten wie Mouton Rothschild oder Léoville Poyferre waren allerdings für den Châteux-Kurs reserviert, so dass für den Les Vignes Weine aus der zweiten Reihe wie Gruaud Larose oder Desmirail Pate standen. Es ist in Golf du Médoc nicht das einzige Zeichen dafür, dass wir uns in einer Weinregion befinden. Denn die Entfernungsmarker sind stilisierte Weinflaschen aus Holz. Amüsanterweise stehen diese aber bei 135 Metern, also 150 Yards. Ein Zeichen dafür, dass das Resort eher auf anglikanische Besucher ausgelegt ist – in einem so stolzen Land wie Frankreich eigentlich ein kleines Politikum.

Das Verschmähen des Traubensafts hat allerdings einen großen Vorteil: Man ist am nächsten Morgen nüchtern und kann arglose Mitglieder von Les Vignes ausnehmen. Zwar konnte das Mitspieler-Trio nur bruchstückhaft englisch und ich nur bruchstückhaft französisch, aber dennoch war am ersten Tee schnell ein Match ausgemacht: Zwei Teams, Best Ball Brutto. Manchmal ist Golf eben eine so universelle Sprache wie Musik. Und an diesem Tag konnte ich diese Sprache nutzen, um etwas für die deutsch-französische Freundschaft zu tun, denn dank meiner besten Golfrunde in diesem Jahr war das allemannisch-gallische Team gnadenlos überlegen.

Der Les Vignes Platz wurde 1991 vom Kanadier Rod Whitman gestaltet, der mit Wolf Creek in Alberta und Cabot Links in Nova Scotia zwei bemerkenswerte Visitenkarten abgelegt hat und auch schon im baden-württembergischen Orsingen-Nenzigen mit Schloss Langenstein eine Duftmarke setzte. Dass Whitman den Job für die zweiten 18 Löcher bekam, war ein logischer Schachzug, schließlich hatte er zwei Jahre zuvor bereits Bill Coore beim Les Châteaux assistiert. Entsprechend sind die beiden Plätze auch Brüder im Geiste. Das komplett natürlich wirkende Bunkerdesign mit seinen ausgefransten Kanten und dem dunklen Sand findet sich auch hier wieder, und das Design ist ebenso fair ohne ein Pushover zu sein.

Im direkten Vergleich ist Les Vignes der deutlich leichtere Platz – auch wenn er mit 6237 Metern von weiß und 5700 Metern von gelb gerade einmal 100 Meter kürzer ist. Doch der Grund, warum der Platz meist als deutlich schwächer eingestuft wird, liegt darin, dass er weniger optische Reize setzt. Die Bunker sind meist kleiner und sehen daher vom Tee weniger ehrfürchtig aus und auch wenn es einen Teich gibt, kommt er nur seitlich bei zwei Löchern, der 8 und der 10, ins Spiel. Dennoch fehlt es Whitmans Design nicht an Ideen. Ein erstes Highlight setzt er mit der Bahn 3, dem – laut Rating – schwersten Loch der Front 9. Mit 394 Metern von weiß ist die Bahn nicht nur lang, sie ist auch noch wie ein auf die Spitze gestelltes Tetris-S geschnitten, das heißt die zweite Hälfte der Bahn geht links versetzt weiter. Ein gut platzierter Drive ist daher Grundvoraussetzung für ein Par, da das Grün auch noch durch einen tiefen und breiten Bunkerkomplex verteidigt wird, dem man besser aus dem Weg gehen sollte.

Auch die 497 Meter lange Bahn 4, das erste Par 5 des Platzes, ist ein gelungenes Design. Auf der gesamten linken Seite lauert eine Ausgrenze. Whitman bietet mit einem breiten Fairway dem Spieler die Option, sich davon fern zu halten – allerdings muss er sich auf dieser Linie dann mit Fairway- und Grünbunkern auseinandersetzen. Eine Schwäche des Platzes wird dann aber mit der Bahn 5 deutlich, denn die Par 3s decken zwar in der Länge eine große Bandbreite ab, sind aber relativ uninspiriert gestaltet – und da es auf dem Par 71 fünf von ihnen gibt, schwächt das den Gesamteindruck ein wenig.

Eines davon, die Bahn 9, schafft es sogar, den unmittelbar daneben liegenden Teich nicht ins Spiel zu bringen. Der kommt nur bei der 8 und der 10 ins Spiel und wird dort sehr clever eingesetzt. Die 8 ist von weiß ein 340 Meter kurzes Par 4, das allerdings durch einen Hügel einen halbblinden Abschlag hat. Genau dort muss man allerdings den Ball platzieren, da auf der linken Seite ein Bunker wartet und der Winkel durch den links am Grün angrenzenden Teich äußerst ungünstig ist. Die 10 ist dann ein klassisches Dogleg-Par 4, wo der kürzeste Weg durch den über die gesamte Länge links angrenzenden Teich ein hohes Risiko bedeutet.

Im Anschluss an die 10 kreuzt man eine Straße und bekommt bis einschließlich der 16 ein anderes Gesicht des Platzes präsentiert. Waren die ersten Löcher sehr offen, so kommen ab diesem Punkt deutlich mehr Bäume ins Spiel. Bis Weihnachten 1999 war dieser Wechsel noch krasser, doch dann fegten die Orkane Lothar und Martin über den Club, legten tagelang die Stromversorgung lahm und entwurzelten unzählige Bäume. Dem Look hat dies nicht unbedingt geschadet, denn die übrig gebliebenen Bäume haben viel Charakter und wirken eindrucksvoller, als wenn sie in einem Wald untergehen würden. Gleich die Bahn 11, mit 532 Metern das längte Loch von Les Vignes, hat beispielsweise kurz vor dem Grün zwei markante, große Bäume. Und die Bahn 12 ist ein interessantes Dogleg mit großen Bäumen auf dem direkten Weg zum Loch. Insgesamt ist dieser Teil des Platzes der stärkste Abschnitt. Wenn man also mit seinen Reiseplänen eng gestrickt ist und nur noch Zeit für neun Löcher hat, sollte man versuchen, auf die Back 9 zu kommen.

Gespielt am: 7.11.2015

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