Große Löcher, großer Käse

Der Golfsport steckt in der Krise. Fünf Millionen Golfer gingen in den USA in den letzten zehn Jahren verloren. Jetzt endlich hat man herausgefunden, wo das Problem liegt: Die Löcher sind zu klein. Diesen Standpunkt vertritt zumindest Mark King, der mit der Webseite Hack Golf den Sport retten will. Die 15 inch (38,1cm) großen Löcher sind dabei der erste konkrete Vorschlag, der aus der Ideensammlung entstanden ist. In der vorletzten Woche fand nun ein erstes Test-Event statt und die Reaktionen waren ekstatisch. Justin Rose und Sergio Garcia, die dem 9-Loch-Event im Reynolds Plantation Resort in Georgia beigewohnt haben, sind zumindest überzeugt, dass nun die Massen strömen werden. Es gibt nur ein Problem an der Sache: Man kann sich nicht des Verdachts erwehren, dass sie für ihre Meinung bezahlt werden.

Denn der „Hack Golf“-Chef Mark King ist hauptberuflich CEO von Taylormade Golf, und Justin Rose und Sergio Garcia stehen somit auf seiner Gehaltsliste. Wenn man zynisch sein möchte, könnte man sogar die Behauptung aufstellen, dass Mark King nicht etwa die Lösung für die Probleme des Golfsports ist. Er ist Teil des Problems. „Seit 10 Jahren ist unser Sport im freien Fall, weil es an Innovationen fehlt“, lamentierte King völlig ironiefrei bei der diesjährigen PGA Merchandise Show in Florida. Dabei ruft seine Firma doch jedes Jahr die völlige Neuerfindung des Golfschlägers aus. Ob nun weiße Driver, verstellbare Driver, Rocket**** oder ganz neu in diesem Jahr der Schrei nach mehr Loft: Für 400 Euro verspricht die Firma dem Golfer Jahr für Jahr das neue, ultimative Must-Have um das Handicap ein paar Zehntel zu senken. Doch mit seinen Erfindungen machen TaylorMade und alle anderen Hersteller das Spiel immer teurer und unattraktiver.

Dabei ist der Anschaffungspreis für das neue Material noch der geringste Faktor. Das eigentliche Problem sind die Folgekosten. In den letzten 20 Jahren hat die Golf-Industrie einen extremen Längen-Wahnsinn betrieben: mit neuen Schlägern, aber vor allen Dingen mit den modernen Golfbällen. Um diese Entwicklung zu kontern, werden Plätze immer länger gebaut, wodurch immer mehr Dünger, Wasser und Manpower gebraucht wird, um das zusätzliche Land in Schuss zu halten. Die Clubs wälzen diese Kosten natürlich auf ihre Mitglieder bzw. Greenfee-Spieler ab, wodurch Golf immer teurer wird.

Doch das ist nicht die einzige negative Folge des Längen-Wahnsinns. Zum Einen dauern Runden immer länger, weil man a) mehr Weg zurücklegen muss, b) länger warten muss, bis die vorherspielende Gruppen bei einem ideal getroffenen Schlag nicht mehr gefährdet ist und c) den Landepunkt der Bälle aufgrund der längeren Distanz schlechter im Auge behält, wodurch Bälle öfter und länger gesucht werden. Darüber hinaus wird das Spiel deutlich schwieriger.

Zwar sind die Schläger fehlerverzeihender geworden, doch richtig schlechte Schläge werden aufgrund der längeren Flugweite stärker bestraft. Würde Mark King es also ernst meinen mit den Rettungsversuchen des Golfsports, würde er genau an diesem Punkt ansetzen und endlich das tun, was Golf-Legenden wie Jack Nicklaus oder Gary Player schon seit Jahren fordern: den Golfball zu drosseln. Doch das würde ja ans eigene Portemonnaie gehen, und deshalb kommt die Golfindustrie jetzt mit der aberwitzigen Idee von größeren Golflöchern daher.

Zugegeben: Vermutlich gehöre auch ich zur Klientel, die von größeren Golflöchern exponentiell profitieren würde. Aber würde man diese Vorschläge umsetzen, ist die Botschaft sozusagen, dass das einzig Wichtige im Golfsport die langen Schläge sind und putten kein integraler Bestandteil des Golfspiels ist. Ein fatales Signal, würde es doch eine ganze Spielergruppe benachteiligen. Natürlich hassen wir alle heimlich die Mitspieler, die zwei Schläge mehr bis aufs Grün brauchen, dann aber ständig aus 20 Metern einlochen. Aber sind sie deshalb schlechtere Golfer und gehören dafür bestraft? Natürlich nicht.

Ja, die Befürworter der größeren Löcher betonen natürlich, dass ihre Zielgruppe Golfanfänger sind und keine etablierten Spieler. Doch das Absurde ist, dass gerade diese Zielgruppe auf den Grüns die wenigsten Probleme hat. Denn alle, die noch nicht von jahrelang verschobenen Zwei-Meter-Putts vorbelastet sind, putten auf den Grüns viel befreiter und entspannter, weil sie nicht darüber nachdenken. Die meisten Schläge (und die meiste Zeit) verbrauchen sie auf dem Weg zum Grün, weil sie den Ball ständig in frontale Wasserhindernisse toppen oder nicht aus dem Bunker kommen. Und für sie sollen größere Löcher die Lösung sein, damit Golf einfacher und spaßiger wird?

Vielleicht wird es einfach mal Zeit den antiquitierten Irrglauben „Drive for Show, putt for Dough“ über Bord zu werfen. Denn wenn ein Amateurgolfer vor die Wahl gestellt wird, ob ein Profi die ersten beiden Schläge oder die letzten beiden Schläge auf jedem Loch übernehmen soll, wäre er gut beraten das lange Spiel an den Profi abzugeben. Denn aus 2,50 Meter lochen selbst die besten Spieler der Welt nur jeden zweiten Putt. Der Ottonormalvergolfer, der aus 115 bis 140 Meter den Ball im Schnitt auch nur annähernd 8 Meter an die Fahne legt, muss dagegen erst noch erfunden werden.

Aber Mark King führt ja noch einen weiteren Punkt ins Spiel. Er behauptet, die größeren Löcher würden dazu führen, dass die Rundenzeiten um ein Vielfaches verkürzt werden. Logisch, wenn man nicht das handelsübliche Golf spielt. Den gleichen Effekt würde man auch erreichen, wenn man bei ins Aus geschlagenen Bällen nicht neu aufteet, sondern sie als seitliche Wasserhindernisse behandelt. Oder wenn man einfach an der Stelle, wo man einen verschwunden Ball vermutet sofort einen Ersatzball droppt. Denn eines scheint Mark King nicht kapiert zu haben: Niemand zwingt ihn abseits von Turnieren so zu spielen, wie es in den Golfregeln steht. Lieber Mark King: Stellen Sie sich vor, die Löcher seien 38cm groß. Spielen Sie mit Gimmes. Oder nehmen Sie sogar Ihren Ball auf, wenn er auf dem Grün ist und schreiben Sie sich pauschal zwei Putts auf.

Und ja, es gibt sogar in den Golfregeln erlaubte Hilfsmittel das Spiel zu beschleunigen – insbesondere in den USA. So ist eines der größten Handicaps für eine gute Spielgeschwindigkeit – so widersprüchlich das klingt – das Golfcart. Durch die Gebundenheit an die Cart-Wege fährt man lauter Umwege. Anschließend eiert der Spieler quer über das Fairway zu seinem am anderen Ende der Bahn liegenden Ball und wieder zurück – und dann geht das ganze Spiel 50 Meter später beim Ball des Mitspielers von vorne los. Eine Methode wäre es, nur Carts für Einzelspieler zu entwickeln. Eine andere komplett auf Plätze zu setzen, auf denen Carts nichts zu suchen haben. Oder man macht es, wie in Minnesota, wo gerade das 2-Hour Round-Konzept getestet wird und die ersten Tee-Times des Tages ausschließlich schnellen Spielern vorbehalten sind.

Ein mindestens ebenso großer Faktor für langsames Spiel ist der Zustand des Platzes. Beim absurden Versuch eine möglichst hohe Schwierigkeit für den eigenen Platz (und damit eine mitgliederfreundliche Spielvorgabe) zu erreichen, lassen die Clubs bevorzugt das Rough hoch und saftig sprießen. Die Auswirkungen auf die Spielgeschwindigkeit kann sich jeder ausmalen. Hinzu kommt besonders bei den etwas besseren Clubs die Sehnsucht nach schnellen Grüns. Wenn Augusta National Stimpmeter-Werte von 14 aufweisen kann, muss der GC Hintertupfingen doch zumindest Stimpmeter-Werte von 9 bieten – eine Geschwindigkeit, die noch in den 70ern gut genug für die PGA Tour war.

Die Nachteile von schnellen Grüns (und wir reden hier von Grüns, die trotzdem spurtreu sind, was auch bei langsameren Grüns möglich ist) sind vielfältig. Aus Angst vor einem langen Rückputt lassen sich die Spieler mehr Zeit beim Lesen der Grüns. Zudem steigt die Zahl der Putts an. Und: Was viele nicht wissen: Je schneller die Grüns, desto kleiner ist die effektive Größe des Lochs. Nimmt man noch hinzu, dass schnelle Grüns deutlich pflegeintensiver sind und damit größere Kosten verursachen, könnte man auch ganz ohne eimergroße Löcher Kosten sparen und die Geschwindigkeit erhöhen. Und ganz nebenbei würde Golf auch Golf bleiben. Und wer das nicht will, kann auch gleich den erfolgsgarantierten, brillanten Ratschlag von Stepen Colbert in die Tat umsetzen. (ab 2 Minuten 30 Sekunden)

3 Comments

  • Größere Löcher sind ja wohl das Dümmste. Aber wie wäre es mit größeren Schlägerköpfen und weichen Gummibällen, die weiter fliegen. Dann ginge es noch schneller. Alle Golfer, die bislang mit dem Spiel nicht zurecht kamen, würden dann sicher ihre Erfolgserlebnisse haben. Du lieber HImmel: Die Probleme des Golfsports liegen nicht in der Größe der Löcher, sondern in den Gehirnen jener, denen man erlaubt, einen solchen Nonsens überhaupt ins Gespräch bringen zu dürfen. Ich dachte immer, nur im traditionslosen Golfland Deutschland käme man auf solch abstruse Ideen. Aber nein – die Gehirnerweichung, die offenbar große Löcher nach sich zieht, findet wohl überall statt …

  • Christoph sagt:

    Das Colbert Report Video geht leider wegen US-Regions IP-Sperre nicht :-(

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