Herzlichen Glückwunsch, Kevin Sutherland

Am letzten Sonntag ist etwas Unvorstellbares passiert: Bernhard Langer hat
NICHT den Charles Schwab Cup gewonnen. Trotz sieben Saisonsiegen musste er sich am Ende Kevin Sutherland geschlagen geben, der lediglich das Finalturnier für sich entscheiden konnte. Das (deutsche) Internet kochte vor Wut. golf.de forderte eine Änderung der Regeln. Golf Post sah Langer gar um seine Saison betrogen. Und der deutsche Golfer wurde auf Facebook so wütend, wie sonst nur ein AfD-Anhänger, der einen Artikel über Angela Merkel liest.

Natürlich scheint das Ergebnis nicht fair. Und trotzdem sind die Proteste scheinheilig. Denn wer sich aus sportlichen Gründen über dieses Ergebnis aufregt, aber gleichzeitig den Sieg von Brandt Snedeker beim FedEx-Cup 2012 ohne Murren hingenommen hat, wirkt nicht besonders glaubwürdig. So fand man weder bei Post noch bei .de einen Verweis auf die Ungerechtigkeit von Snedekers Sieg. Und ich bezweifle, dass die Internet-Aktivisten auf die Barrikaden gegangen sind. Damals hatte Rory McIlroy ein Major gewonnen, die Honda Championship und – wie Langer – zwei der Playoff-Turniere. Bei der Tour Championship wurde er jedoch nur 10. und Snedeker – der zuvor lediglich ein Turnier gewonnen hatte und im vorletzten Playoff-Event lediglich 37. war – zog an McIlroy vorbei, obwohl der drei Millionen Dollar mehr auf dem Konto hatte.

Ich habe damals auf das Dilemma dieser Playoffs hingewiesen, allerdings aus anderen Gründen. Denn egal ob beim FedEx Cup oder Charles Schwab Cup: Wer gewinnt, ist letztlich egal. Finanzielle Sorgen muss sich keiner der Spitzenleute machen und in drei Jahren erinnert sich niemand mehr an die Gesamtsieger. Was in Erinnerung bleibt, sind Majorsieger – sowohl bei den Senioren als auch bei den Jungspunden. Viel gravierender sind die Spielberechtigungen, die beim FedEx-Cup durch den Reset verzerrt werden, und so an die Existenz vieler Spieler gehen. Auf der Champions Tour hingegen werden die Startberechtigungen laut Bobby Clampett über die Geldrangliste verteilt.

Aus diesem Grund fällt es mir schwer, mich über die ungerechte Behandlung von Bernhard Langer zu echauffieren. Was hat er verloren? Exakt 500.000 Dollar. Oder anders gesagt: 13% seines Jahresverdienstes. Und selbst wer glaubt, Langer wären Ruhm und Ehre entgangen, täuscht sich. Denn was bleibt von dieser Senioren-Saison in Erinnerung? Dass Kevin Sutherland den Schwab Cup geholt hat? Pustekuchen! Niemand erinnert sich an die Sieger dieser Wertungen. In Erinnerung bleiben Langers drei Majorsiege, die ihn an die ewige Bestenliste geführt haben. In Erinnung wird bleiben, dass Langer zum dritten Mal in Folge den besten Scoringschnitt auf der Tour hatte und zum sechsten Mal in Folgen die Geldrangliste gewonnen hat. Man sollte also – 5 Euro ins Phrasenschwein – die Kirche ein wenig im Dorf lassen.

Denn viele sitzen einfach immer noch dem Irrtum auf, dass Sport immer die Besten kürt. Im Jahr 2008 kam es im Superbowl zum Duell zwischen den ungeschlagenen New England Patriots, die 18 Spiele in Folge gewonnen hatten und den New York Giants, die sich mit Ach und Krach in die Playoffs geschummelt hatten. New York gewann – und keiner schrie Betrug, weil nicht die beste Mannschaft der Saison gewonnen hatte. Beim Fußball gibt es ständig Spiele, in denen Teams den Gegner in der eigenen Hälfte einschnüren – und durch einen Zufallstreffer verlieren. Bei der Formel 1 ist es Alltag, dass überlegene Fahrer und Autos von unterlegenen von der Piste geschossen werden. Beim Skispringen haben Windböen oft einen größeren Anteil am Sieg als die Qualität der Springer. Beim Boxen gibt es ständig umstrittene Urteile. Und beim Golf führen gute Schläge nicht selten zu schlechteren Resultaten als Fehlschläge.

Wer die Unfairness des Charles Schwab Cups protestiert, verhält sich selber unfair: gegenüber Kevin Sutherland. Hatte er eine so gute Saison wie Langer? Natürlich nicht. Aber der Amerikaner ist keinesfalls ein Mitläufer, der aus dem Nichts zum Sieg kam. Er hat den zweitbesten Schlagdurchschnitt der Champions Tour, er ließ Langer im direkten Vergleich immerhin sechs Mal hinter sich, und er landete in der Geldrangliste der regulären Saison auf Platz vier. Dass viele den Sieg von Sutherland als unfair empfinden, liegt daran, dass hierzulande niemand die Champions Tour verfolgt, solange Langer nicht um den Sieg spielt. Sutherland ist kein Witzgewinner, er hat fair gewonnen und genau das erfüllt, was der Charles Schwab Cup will: eine zweite Saison.

Denn auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: die Finalturniere des Charles Schwab Cups heißen nun mal Playoffs. Und Playoffs leben von Cinderella-Geschichten und davon, dass jeder Teilnehmer eine Chance hat, zu gewinnen. Jeder akzeptiert das. Selbst Bernhard Langer akzeptiert das. Und deshalb sollten auch seine Fans das akzeptieren und Kevin Sutherland zum Sieg gratulieren. Denn jeder, der sich heute aufregt, sollte einmal in den Spiegel schauen und sich ganz ernsthaft fragen, wie er reagiert hätte, wenn die Saisons von Sutherland und Langer vertauscht wären. Nahezu jeder hätte heute den ewigen Langer bejubelt und sich kein bisschen darum gekümmert, wie er den Charles Schwab Cup geholt hat.

1 Comment

  • Rob sagt:

    Wieder sehr gut dargestellt. Besonders der Hinweis auf den Playoff Modus finde ich wichtig. Denn dieser soll genau die Überraschungen erzeugen können, die dann auch häufig stattfinden.

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