Petze, Petze, ging in Laden…

Wenn unser Golfplatz ein amerikanisches Gefängnis wäre, müsste ich mich neuerdings ständig umdrehen, ob mir jemand ein Messer in den Rücken rammen will. Denn ich habe das golferische Equivalent zum Verrat eines Gefängnisausbruchs getan: Ich habe jemanden disqualifizieren lassen. Nun ist eine Disqualifikation im Golfsport nichts ungewöhnliches. Fast jede zweite Woche wird ein Profi wegen eines mehr oder weniger schweren Regelverstoßes aus dem Turnier genommen, sei es wegen eines Fehlers auf der Scorekarte, einem inkorrekt ausgeführten Drop oder Unkenntnis einer Golfregel. Der Unterschied: bei den Profis gibt es Offizielle, die über jeden Schlag wachen – und zur Not Fernsehkameras, die den letzten Beweis erführen. Bei Wald- und Wiesenturnieren ist eine Disqualifikation jedoch eher ungewöhnlich. Besonders wenn sie – wie in meinem Fall – einen Spieler betrifft, der in einem ganz anderen Flight gespielt hat.

Nun mag manch einer darüber die Nase rümpfen und Worte wie Petze, Denunziant, Verräter, Plappermaul oder – ganz weltgewandt – Whistleblower rufen. Schließlich will der Vereinsfrieden gewahrt werden, und solche Fälle werden für gewöhnlich durch ein tadelndes Wort und ein Tässchen Bier geregelt. Dummerweise trinkt nicht jeder Bier, und es gibt einen gewissen Punkt, an dem ein Vergehen nicht mehr durch Alkohol überdeckt werden kann. Und in diesem Fall war es soweit. Was war passiert?

Auf dem Weg von einem Grün zum nächsten Abschlag kam auf einer parallel laufenden Bahn ein Dreier-Flight entgegen. Zwei Spieler hatten ihren Ball auf der rechten Seite in Richtung Bunker geschlagen, der dritte lag auf der linken Seite des Fairways zwischen ein paar Bäumen und Sträuchern, die seinen Schwung behinderten. Und was machte unser Singlehandicapper und Mitglied der Clubmannschaft? Nach einem prüfenden Blick zu seinen Mitspielern platzierte er sich so hinter einem Baum, dass er vor den Blicken unseres Flights versteckt war – dachte er zumindest. Was unser Cleverle übersah: Sobald er seinen Fuß nach vorn bewegte, ragte dieser hinter dem Baum heraus. Und so konnte ich aus allererster Reihe ein spektakuläres Schauspiel beobachten: Ein aus dem Nichts kommender Fuß, der gegen einen Ball trat. Erst einmal, dann wieder und wieder – bis der Ball plötzlich in einer Lage war, wo ein freier Schwung auf wundersame Weise wieder gegeben war.

Nun kann man dies ignorieren und sich über die Armseligkeit eines solchen Golfers innerlich amüsieren. Oder man meldet ihn der Spielleitung, die in diesem Falle auch noch direkt im Folgeflight spielte. Warum ich mich für Letzteres entschied? Zuerst einmal war ich an diesem Tag so schlecht, dass sich kein persönlicher Vorteil aus dieser Situation ergeben konnte – eigennützige Motive waren also ausgeschlossen. Vor allem aber erreichte die Dreistigkeit ein Maß, das ich so noch nicht auf den Golfplatz erlebt habe.

Natürlich gibt es immer wieder Spieler, die es mit den Regeln nicht ganz so genau nehmen. Da wird aus zu geringer Höhe oder an falscher Stelle gedroppt, aufgrund eines grabenden Tieres ein Free-Drop aus unspielbarer Lage gewährt oder beim Markieren des Balls auf dem Grün der eine oder andere Zentimeter herausgeschunden. All dies kann man an Ort und Stelle diskutieren und korrigieren – vor allem, da 99,9% der Golfer (der Autor eingeschlossen) – nicht jede Regel so memoriert haben, dass sie in jedem Fall korrekt agieren. Doch dass sich jemand mit dem Vorsatz zu betrügen aus seinem Flight löst, sich wie ein kleines Kind versteckt und dann sein Vergehen auch noch mehrfach wiederholt, ist inakzeptabel.

Dass so etwas in Turnieren geschieht, in denen das Schlimmste Ergebnis eine Verschlechterung um 0,1 Punkte ist, sagt viel über das Verhältnis der Deutschen zum Statussymbol Handicap aus. Wo sich Profis für kleinste Vergehen, die nicht mal in Super-Zeitlupe eindeutig zu belegen sind, Strafschläge aufdrücken, wird in deutschen Golfclubs gelogen und betrogen bis sich die Balken biegen – nur um damit anzugeben, wie niedrig die Zahl auf dem Clubausweis ist.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass auch beim Monatsknopf oder sonstigen Wettspielen ein wenig mehr auf Etikette und Regeltreue geachtet wird, damit sich auch bei uns Amateuren ein weniger mehr Sportlichkeit und Treue zum Spirit of the Game einstellt. Und dafür gibt es leider Gottes nun mal nichts besseres als eine Disqualifikation mit Abschreckungswirkung. Und falls Sie Angst davor haben, dass man Ihnen im Club in Zukunft das Verräter-Label anhängt, zitieren Sie doch einfach den großen Bobby Jones. Der sagte einmal „Sie könnten mich auch dafür loben, dass ich keine Banken ausraube“, als er sich selbst einen Strafschlag auferlegte und dadurch die U.S. Open verlor. In diesem Sinne denunzieren Sie also niemanden, wenn Sie einen eindeutigen Betrug bei der Spielleitung anzeigen. Sie fangen einen Bankräuber.

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