Rory McIlroy, Ian Poulter und die Zwickmühle von Keith Pelley

Als Martin Kaymer sich vor einigen Wochen mit seinem Turnierplan verkalkulierte, aufgrund schwacher Leistungen die Playoffs um den FedEx-Cup verpasste und damit die Mindestanzahl an Turnieren verpasste, gab es kein Vertun: der Deutsche musste die Karte für die PGA Tour abgeben. Er hatte sich einfach die falsche Tour ausgesucht, um seine Pflichtstarts zu unterschreiten: hätte er das Gleiche mit der European Tour getan, würde er vermutlich auch 2016 noch eine Doppel-Mitgliedschaft führen. Denn der neue European-Tour-Chef Keith Pelley hat gleich in den ersten Wochen seiner Amtszeit bewiesen, dass ihm Regeln nicht so wichtig sind – zumindest wenn es um große Namen geht.

Den Anfang machte Rory McIlroy. Weil der Weltranglisten-Dritte sich im Juli einen Bänderriss zuzog, war er nicht in der Lage, seine 13 Pflicht-Turniere auf der European Tour zu erfüllen – so zumindest die Aussage des Nordiren. Pelley gestattete es McIlroy dennoch, seine Tourkarte zu behalten. Dabei berief er sich auf sein Spezialisten-Team vom „CSI: Wentworth“: „Wenn das Gleiche mit einem anderen Spieler passiert wäre, hätte ich genau die gleiche forensische Analyse betrieben“, schwadronierte Pelley gegenüber Reuters. „Rory hatte Verpflichtungen in den USA und unabhängige Ärzte haben bestätigt, dass er nicht in mehr Turnieren hätte spielen können.“ Ob Pelley sich dabei auf die Zunge gebissen hat, um nicht laut los zu kichern, ist nicht überliefert.

Fakt ist, dass McIlroy in Woche 33 bei der PGA Championship in den Wettkampf zurückgekehrt ist, zwei Wochen Pause gemacht hat, drei der vier FedEx-Cup-Turniere gespielt hat, wieder zwei Wochen Pause gemacht hat und dann bei der frys.com Open angetreten ist – ein Auftritt zu dem er sich verpflichtet hat, weil er sich 2012 unerlaubt beim World Golf Final die Taschen gefüllt hat und von der PGA Tour zu einem Entschädigungsturnier bis 2015 verpflichtet wurde, das er bis zum bitteren Ende aufschob. Um das noch einmal zu verdeutlichen: in den elf Wochen, in denen McIlroy von seiner Verletzung zurück ist, hat er nicht ein einziges reguläres European-Tour-Event gespielt. Dennoch reduzierte Pelley seine Mindeststarts auf 12, damit der arme Rory die Final Series nicht komplett spielen muss. Und weil es ach so hart ist, kassiert er für die Turkish Airlines Open in dieser Woche auch noch ein saftiges Antrittsgeld – so zumindest suggeriert es der Telegraph, der im gleichen Artikel auch aufzeigt ,wie dankbar McIlroy für die Sonderregelung ist: Indem er darüber nachdenkt, im kommenden Jahr das Flagship-Event der European Tour auszulassen. Und dennoch stellt sich Pelley hin und sagt zur McIlroy-Ausnahmegenehmigung: „Wir haben eine Entscheidung getroffen, die unserer Meinung nach im besten Interesse der European Tour war.“

Das sehen einige Mitglieder seiner Tour allerdings vollkommen anders. So machte Bernd Ritthammer am Montag in einem Interview mit Golf Post seinem Frust Luft.

„Es ist halt für uns normale Spieler, die von den ganzen Regularien eher mal eins auf die Mütze kriegen, lächerlich. Der Rory, der spielt ständig in der Welt. Der hat ja nicht mal das British Masters oder die Dunhill Links gespielt. Und dann kriegt er eine Ausnahme, dass er nicht seinen Status verliert.“ Doch nicht nur die Ausnahmegenehmigung für McIlroy ist Ritthammer und – wie er betont – vielen seiner Kollegen ein Dorn im Auge. Auch die Farce um Ian Poulter stößt ihm sauer auf.

Poulter hatte, wie Martin Kaymer auf der PGA Tour, seinen Spielplan spitz auf Knopf genäht. Dummerweise fiel er pünktlich zur Deadline für die HSBC Champions aus den Top 50 der Weltrangliste, hatte aber zuvor schon den Organisatoren der Hong Kong Open die kalte Schulter gezeigt und stand damit für die 2015er Saison bei maximal 12 European-Tour-Starts und hätte somit seine Tourkarte verloren. Doch Rich Beem zeigte sich großzügig, gab seine Sponsoren-Einladung für die Hong Kong Open zurück und so konnte Poulter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion anreisen, um doch noch seine Spielberechtigung für 2016 zu behalten.

„Die Geschichte ist ziemlich lächerlich aus Spielersicht“, befindet Ritthammer. „Unser lieber Herr Poulter hat sich verkalkuliert, und nun wird das so gedreht, dass er doch noch in Hongkong aufteen durfte.“ Nun steht man nach solchen Aussagen schnell unter Verdacht neidisch zu sein. Doch Ritthammer hat vollkommen Recht, wenn er beklagt, dass für manche Spieler eigene Regeln gelten. Zumal er das Problem weniger für sich, sondern für andere sieht: „Der 111. im Ranking, der findet es nicht so geil jetzt. (…) Mich würde es nicht wundern, wenn da einer mal rechtliche Schritte einsetzt.“

Denn die 111. und 112. im Ranking, Seve Benson und Matthew Nixon, hätten bei Ausschluss von McIlroy und Poulter ihre Tourkarte für 2016 behalten. Und sie sind nicht die einzigen Benachteiligten: Der 61. und 62. wird die Teilnahme am hochdotierten Finalturnier verpassen. Der 31. im Race to Dubai hätte bei Ausschluss McIlroys im kommenden Jahr die Teilnahme an der Open Championship sicher gehabt. Und der 21. dürfte bei der Cadillac Championship abkassieren. Für mindestens sechs Spieler hat das Biegen der Regeln also unmittelbare Folgen für ihre Karriere – zählt man die finanziellen Verluste im Bonuspool des Race to Dubais hinzu, sind es sogar zehn Mal so viele.

Doch warum lässt sich die European Tour auf solche krummen Deals mit Spielern ein, die sich eigentlich einen Dreck um die Tour kümmern und verprellt diejenigen, die sie unterstützen? Ganz einfach: McIlroy und Poulter haben sich das richtige Jahr ausgesucht. Weil 2016 ein Ryder-Cup-Jahr ist, kann es sich Keith Pelley nicht erlauben, zwei seiner Superstars durch den Verlust der Tourkarte vom Kontinentalwettstreit auszuschließen. Denn noch immer gilt, dass man nicht (nur) durch seine Staatsbürgerschaft befähigt ist, für Team Europa zu spielen, sondern durch seine Mitgliedschaft auf der European Tour. Eine Regelung, die in früheren Jahren dazu geführt hat, dass sich Spieler wie Jonas Blixt oder Martin Laird in Ryder-Cup-Jahren eine Alibi-Mitgliedschaft geholt haben, um zumindest die theoretische Chance auf eine Teilnahme zu wahren.

Nun könnte man meinen, dass Pelley damit das perfekte Druckmittel in der Hand hat, um Spieler wie McIlroy und Poulter dazu zu zwingen, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Doch in Wirklichkeit haben die Spieler das bessere Druckmittel. Denn die European Tour hängt am Tropf des Ryder Cups. Im letzten Jahr veröffentlichte die Daily Mail eine Finanzanalyse der European Tour. Demnach haben die letzten drei Ryder Cups auf europäischem Boden die Bilanz im Schnitt um 60 Millionen Pfund aufgebessert. Oder anders ausgedrückt: In Jahren ohne Ryder Cup schreibt die European Tour rote Zahlen, in US-Ryder-Cup-Jahren hält man sich dank höherer TV-Einnahmen etwa über Wasser und in europäischen Ryder-Cup-Jahren stößt man sich gesund.

Würde Pelley nun Superstars wie Rory McIlroy ausschließen oder vergrätzen, würde er damit die Marke Ryder Cup beschädigen und sich ins eigene Bein schießen. Dies ist der wahre Grund, warum McIlroy und Poulter diese Sonderbehandlung bekommen. Und dies ist auch der Grund, warum kein klar denkender Spieler den Gang vor Gericht wagen wird. Denn wenn die European Tour den Ryder Cup nicht schützt und regt und pflegt, wird es den europäischen Golfzirkus nicht mehr geben. Auch aus diesem Grund hat man in den letzten Monaten die Fühler in Richtung Asian Tour ausgestreckt, um auf solideren Beinen zu stehen.

Die ärmste Sau in diesem Tauziehen zwischen Spielern und European Tour ist allerdings Paul Casey. 2010 wurde der Engländer von Colin Montgomerie hintergangen, als er als Weltranglisten-Siebter nicht ins Team geladen wurde. Und weil er aus Rücksicht auf seine Familie – und zu einem Teil sicher auch aus Rücksicht auf seine endlich wieder ansteigende Karriere – letztes Jahre seine European-Tour-Mitgliedschaft zurückgab und aller Voraussicht nach auch weiterhin ausschließlich in den USA spielen will, könnte der Ryder Cup 2016 wieder ohne den aktuell siebtbesten Europäer der Weltrangliste stattfinden. Und der ist dementsprechend angefressen über die Ungleichberechtigung, wie er gegenüber Golf World (hier zitiert von Reuters) zugab: „Ohne Namen zu nennen: Es gibt Ryder-Cup-Spieler, die auf mich zugekommen sind und gesagt haben, dass sie mich für meine Entscheidung beneiden.“ Und Casey weiß auch, dass es nur einen kleinen Stein brauchen würde, um das gesamte Kartenhaus der European Tour zum Einsturz zu bringen: „Was würde passieren, wenn Rory die Mitgliedschaft auf der European Tour ablehnt? Dann ist der Teufel los.“ Genau aus diesem Grund wird Keith Pelley auch in Zukunft alles tun, um seine Superstars zufrieden zu stellen. Und deswegen werden auch in Zukunft die Rory McIlroys dieser Welt anders behandelt als die Bernd Ritthammers dieser Welt. Wenn es ums Finanzielle geht, tritt nun mal auch auf der European Tour die sportliche Fairness in den Hintergrund.

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