Ryder Cup Rückblick I: Die amerikanischen Fans

In den letzten Tagen wurde viel über das untragbare Verhalten der amerikanischen Fans gegenüber den europäischen Ryder-Cup-Spielern geredet. Zu den auf der Anlage gehörten Beleidigungen gehörten Albernheiten (Lee Westwood wurde „Turd“ genannt), Ungeheuerlichkeiten (Rory wurde „Suck a Dick“ entgegen gerufen) und Offenbarungen des eigenen IQs (ein Fan soll Kaymer entgegen gerufen haben: „If it wasn’t for us, you’d be speaking german“). Auch wenn ich selber während der drei Tage keine Beleidigungen gehört habe, sehe ich keinen Grund an diesen Aussagen zu zweifeln.

Allerdings war die Anzahl der auffällig gewordenen Fans deutlich geringer als von beispielsweise Martin Kaymer angegeben, der in der Pressekonferenz vor der Dunhill Links Championship von 5% Idioten unter den Fans redete. Angesichts von geschätzten 170.000 Zuschauern an den drei Wettkampftagen wären dies 8.500 Idioten gewesen. Selbst eine Zahl von 1% ist noch zu hoch gegriffen, der Realität am nächsten kam sicherlich Darren Clarke, der davon sprach, dass „99,99% des Publikums sehr respektvoll waren.“ Trotzdem ist natürlich jeder Idiot einer zu viel, aber sie wurden gut gehandhabt. Wenn jemand aus dem Rahmen fiel, wurde er von den anderen Zuschauern aufgezeigt und von Offiziellen von der Anlage entfernt. Und als die PGA vor dem Start der Einzel am Sonntag die Fans warnte, dass keine Beleidigungen toleriert werden, beruhigten sich die Gemüter sehr schnell.

Ein Affront, der sich durch das gesamte Publikum zog, war dagegen die mangelnde Kreativität der amerikanischen Fans. Zugegeben: verkleiden können sie sich. Wer wissen möchte, auf wie viele verschiedene Arten man die US-Flagge als Kleidungsstück nutzen kann, muss zum Ryder Cup kommen. Doch die Anfeuerungen sind einfach nur plump und einfallslos: man singt „God Bless America“, die Nationalhymne oder krakeelt „USA! USA!“

Immerhin besaß man in diesem Jahr soviel Kreativität die drei Buchstaben auch mal auf verschiedene Fansektionen zu verteilen, so dass es von links U, aus der Mitte S und von rechts A schallte. Aber damit hatte man sich dann auch genug die Gehirnzellen zermartert. Allerdings muss man die amerikanischen Fans auch ein wenig in Schutz nehmen: woher sollen sie es denn wissen? Weder im Basketball, noch im Baseball oder beim American Football gibt es Fangesänge. Wo die Europäer jahrzehntelange Erfahrung gesammelt haben, herrscht bei den Amerikanern Dürre. Einen einzigen echten Fangesang konnte man auf der Anlage hören: „I believe that we will win!“ Spätestens seit der Fußball-WM 2014 ist dieser Gesang in den USA Nationalgut geworden. Allerdings wurde er bereits 1998 von einem Navy-Anwärter erdacht und hat seither einen Siegeszug durch die verschiedensten Sportarten genommen: College-Football, College-Basketball, usw.

Es ist also auch nicht besonders kreativ, diesen Schlachtruf einfach zum Ryder Cup zu bringen. Andererseits ist es aber auch nicht viel origineller, wenn die europäischen Fans in Hazeltine „Rory’s on Fire. Davis Love is terrified“ singen. Zumindest behielten beide Lager am Ende Recht: Die USA haben gewonnen und Rory war on Fire. Sowohl sportlich als auch emotional.

Was aber auch auffiel, ist, wie sensibel die Golfstars sind. Im Fourball am Samstag stand ich am 16. Grün fünf Meter von Henrik Stenson entfernt, als Justin Rose aus dem Bunker spielen musste. Alles war still, als man von der Tribüne jemanden vor sich hin murmeln hörte „Please hit it in the water“. Es war kein lautstarker, unfairer Ruf zu den Spielern, es war am ehesten eine Art Stoßgebet eines amerikanischen Fans, das aufgrund der absoluten Stille in fünf-sechs Meters Umgebung zu hören war. Das hier war die Reaktion von Henrik Stenson:

War diese Aktion des Fans so unfair, dass eine solche Dünnhäutigkeit berechtigt war? Natürlich nicht. Beim Fußball wünschen sich hunderte Fans oft lautstark, dass der Gegner einen Elfmeter verschießt. Beim Freiwurf im Basketball versuchen dutzende Fans den Werfer aktiv von seinem Ziel abzulenken. Beschwert hat sich darüber noch niemand. Profigolfer sind allerdings solche Sensibelchen, dass sie nicht einmal drei Tage im Jahr mit einer emotional aufgeheizten Kulisse fertig werden können.

Der Ryder Cup ist ein ganz eigenes Biest und die Gepflogenheiten des Sports stoßen dort nun mal an ihre Grenzen. Das größte Problem ist dabei die selbstverordnete Stille. Sie macht jeden noch so kleinen Spruch hörbar – und ist damit geradezu einladend für Leute, die ihre 15 Sekunden Ruhm suchen. Wenn einer im Fußballstadion ruft, wird es vom Geräuschpegel erdrückt. Wenn jemand beim Golf „Get in the Hole“, „Mashed Potatoes“ oder „You suck“ schreit, kann er sicher sein, dass es seine Kumpels zu Hause und Millionen andere an den Fernsehgeräten mitbekommen.

Das größte Problem ist jedoch, dass das Fanerlebnis Ryder Cup sehr frustrierend sein kann – besonders wenn man, wie angeblich in Hazeltine geschehen, mehr Tickets verkauft, als die Anlage verkraften kann. Der typische Tag eines Ryder Cup Fans sieht folgendermaßen aus: Der Hardcore-Fan steht morgens um 6 Uhr vor den Toren, um einen Tribünenplatz am First Tee zu bekommen und sucht sich anschließend einen Platz auf den späteren Löchern für den Rest des Tages. Der nicht ganz so fanatische Zuschauer verzichtet aufs erste Tee und versucht irgendwo, wo noch Platz ist, in die erste Reihe zu kommen. Im Grunde genommen ist das Ryder-Cup-Fan-Erlebnis wie die Tour De France. Man verfolgt die Ereignisse auf den großen Videoleinwänden, bekommt dann am Freitag und Samstag zwei Mal vier Flights für fünf Minuten zu sehen und muss den Rest wieder auf der Leinwand sehen.

Die gähnende Langeweile dazwischen vertreibt man sich mit dem – wie es Rory McIlroy so schön formulierte – pissy american beer (das in Hazeltine unfassbare zehn Dollar kostete). Da sollte man sich nicht wundern, dass manch ein Fan übereuphorisiert ist. Natürlich ist es unangenehm, wenn jemand völlig aus dem Rahmen fällt. Aber wenn das passiert, werden auch die Konsequenzen gezogen. Sich darüber aufzuregen, dass die amerikanischen Golffans jubeln, wenn europäische Bälle im Bunker oder im Wasser landen, bringt nur Magengeschwüre. Denn mal ehrlich: Wenn es beim Ryder Cup nur höfliche Golf Claps geben würde, würde das Event jede Menge von seiner Besonderheit einbüßen. Und wenn die Rufer Rory McIlroy und Sergio Garcia so wurmen, dass sie aus Trotz solch geniales Golf spielen wie am Sonntag, profitieren wir alle davon.

4 Comments

  • Maria sagt:

    Ich bin absolut der gleichen Meinung! Der Ryder Cup ist aufgrund dieser Atomosphäre auch das, was er ist. Und der Pro, der mit diesem Hexenkessel nicht umgehen kann, soll sich nicht nominieren lassen.
    Generell finde ich das Getue um die Stille übertrieben. Es mag rund um den Spieler noch so still sein, wenn just beim Putten oder Abschlag dann jemand in der Nähe hupt, eine Glocke läutet oder ähnliches muss er auch die Konzentration behalten können. Wenn der Sport auch einem breiteren Publikum erschlossen werden soll, dann sollte man auch hier eine Balance finden. Ich denke man kann sich so konzentrieren, dass man Geschehnisse der Umgebung ausblendet (auch wenn sie ohne jeden Zweifel unangenehm sind).

    • Bin da ganz auf Deiner Linie. Da ist vieles übertrieben mit der Stille beim putten. Man muss so etwas ausblenden können, wenn man wirklich gut ist.

    • Björn Uhlhaas sagt:

      Man stelle sich mal vor: Beim Elfmeterschiessen muss vollkommene Stille sein. Oder beim Freiwurf im Basketball. Oder beim Fieldgoalversuch im American Football. Oder beim Darten (wo es ja ganz besonders laut ist). Aber es gibt ja auch noch mehr Sportarten mit solchen geräuschempfindlichen Mimis. z. B. Tennis oder Snooker. Selbst beim Wasserspringen ist es immer besonders leise.

  • Werner von Ascheraden sagt:

    *Profigolfer sind allerdings solche Sensibelchen, dass sie nicht einmal drei Tage im Jahr mit einer emotional aufgeheizten Kulisse fertig werden können*

    Dieser Meinung kann ich nicht zustimmen. Profigolfer haben Nerven wie Stahl, sonnst wären Sie nicht Profigolfer. Um einen absolut fokussierten Schwung hinzulegen braucht es nun mal absolute Stille..(das war bei Tiger auch nicht anders obwohl sein Vater Ihm das mit den Nebengeräuschen ja eintrainieren wollte, hat nichts gebracht, auch Tiger brauchte absolute Stille vor/während des Schwunges) Beim Elfmeter gibt es eine Geräusch Kulisse im Hintergrund aber der Spieler ist weit davon entfernt..doch beim Profigolfer müssen 72 Elfmeter hintereinander sitzen um Par zu spielen.. vergleichen Sie das mal mit einen Profi Fußballer der keine 10 Elfmeter hintereinander hinbekommt. Auf jeden Fall haben die benannten Rydercup Golfer auf dem Leistung Level einen sehr hohen Anspruch an sich selbst. Wenn dann das naheliegende Umfeld sich mit einbringt alla Kommentar, Schadenfreude oder Bewegungen ist es umso schwerer seine Leistung abzurufen.. und das wurmt nun mal. ( vor allem wenn die Tagesform gerade schwächelt..

    Viele Grüsse
    Werner von Ascheraden Hc 5,5

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