Warum Europas Ryder Cup Revolution blanker Aktionismus ist

Europa hat den Ryder Cup verloren. Auswärts. Zum ersten Mal seit acht Jahren. Man könnte dies als normale Entwicklung in einem sportlichen Wettstreit hinnehmen. Oder man macht es wie die European Tour und verfällt in vollkommene Panik. Als Europa 2008 in Louisville mit einem nahezu identischen Ergebnis verlor, nahm man lediglich einen Captain’s Pick hinzu – und gewann anschließend drei Mal in Folge. Doch jetzt, nach sechs von acht Siegen wird plötzlich alles über den Haufen geworfen.

Zumindest verkündete die European Tour die drastischsten Veränderungen ihrer Qualifikationskriterien seit Jahrzehnten. So wie die Amerikaner, die wieder und immer wieder ihre Captain’s Picks veränderten – und wieder und immer wieder gegen die Europäer verloren, bevor sie 2016 mal wieder Glück hatten, glauben die Europäer jetzt auch, dass dies die Wurzel allen Übels ist. Europa soll nicht verloren haben, weil Darren Clarke am Samstagnachmittag sein bestes Duo auseinanderiss und stattdessen seinen Schwachstellen eine erneute Chance gab. Europa soll nicht verloren haben, weil Clarke bei seinen Captain’s Picks möglicherweise persönliche Vorlieben über aktuelle Form stellte. Europa soll verloren haben, weil er zu wenig (!) Captain’s Picks hatte.

Für 2018 soll Kapitän Thomas Björn daher gleich vier Mal nach seinem Gusto entscheiden können. Hätte Europa mit dieser Maßnahme im Jahr 2016 gewonnen? Wohl eher nicht. Denn nach dem, was durchsickerte, hätte Clarke statt Matthew Fitzpatrick trotzdem nicht etwa Russell Knox für das Team nominiert, sondern den völlig außer Form spielenden Luke Donald. Was also bringen mehr Captain’s Picks, wenn sie fragwürdig angewendet werden?

Aber das ist nicht die einzige Maßnahme, die getroffen wird. Die Analyse der – nennen wir sie doch einfach mal WTF (Wentworth Task Force) – hat ergeben, dass es zu viele Spieler ins Team geschafft haben, die zu früh ihre Form hatten und quasi als Altlasten mitgezogen wurden. Spieler, die zur richtigen Zeit ihre Topform hatten wie Thomas Pieters oder Alex Noren konnten hingegen nicht mehr ins Team kommen. Aus diesem Grund soll für den nächstem Qualifikationszeitraum die Bedeutung der letzten Monate erhöht werden. Angefangen von der BMW PGA Championship 2018 bis zum letzten Turnier werden die erspielten Punkte um den Faktor 1,5 multipliziert. Doch was bringt das genau? Ich habe es am Beispiel der letzten Ryder-Cup-Qualifikation durchgerechnet. Warum nicht über einen längeren Zeitraum? Nun, da das Ganze eine Kurzschlussreaktion auf einen einzigen verlorenen Ryder Cup ist, sollte auch nur dieser relevant sein.

So hätte der Stand mit den multiplizierten Punkten von Ende Mai bis August ausgesehen (in Klammern die Platzierung nach dem alten Ranking).

European Points List

  1. Henrik Stenson 4.596.545 (3.)
  2. Rory McIlroy 4.421.165 (1.)
  3. Danny Willett 4.253.693 (2.)
  4. Chris Wood 3.098.434 (4.)
  5. Andy Sullivan 2.736.726 (5.)
  6. Matthew Fitzpatrick 2.514.917 (6.)
  7. Rafael Cabrera Bello 2.381.303 (7.)
  8. Tyrrell Hatton 2.224.679 (10.)
  9. Thomas Pieters 2.058.346 (9.)
  10. Martin Kaymer 2.025.235 (11.)
  11. Sören Kjeldsen 1.991.309 (8.)
  12. Shane Lowry 1.879.090 (14.)
  13. Alex Noren 1.765.356 (18.)
  14. Thorbjörn Olesen 1.718.798 (13.)
  15. Victor Dubuisson 1.689.735 (12.)

World Points List

  1. Henrik Stenson 474,55 (1.)
  2. Rory McIlroy 346,30 (2.)
  3. Danny Willett 289,10 (3.)
  4. Sergio Garcia 236,48 (4.)
  5. Rafael Cabrera Bello 203,44 (5.)
  6. Chris Wood 202,69 (7.)
  7. Justin Rose 202,22 (6.)
  8. Andy Sullivan 173,93 (8.)
  9. Matthew Fitzpatrick 172,85 (9.)
  10. Russell Knox 167,10 (10.)
  11. Thomas Pieters 162,32 (11.)
  12. Tyrell Hatton 153,19 (15.)
  13. Martin Kaymer 145,86 (13.)
  14. Sören Kjeldsen 135,72 (12.)
  15. Alex Noren 135,12 (20.)
  16. Shane Lowry 132,98 (17.)
  17. Lee Westwood 130,99 (14.)
  18. Francesco Molinari 126,01 (18.)
  19. Thorbjörn Olesen 121,45 (16.)
  20. Graeme McDowell 116,62 (19.)
  21. Luke Donald 111,21 (21.)
  22. Rikard Karlberg 109,38 (23.)
  23. Joost Luiten 102,70 (22.)

Wie man sieht, gibt es einige Veränderungen in der Liste – aber keine von Relevanz für die Qualifikation. Die identischen Spieler hätten es auch mit diesem Modus in das europäische Team geschafft. Selbst Matthew Fitzpatrick wäre als neunter Spieler dabei gewesen und hätte Russell Knox und Thomas Pieters hinter sich gehalten. Möglich, dass es in einem anderen Jahr zu Änderungen im relevanten Bereich käme. Aber diese Spieler bräuchten in den letzten zwei-drei Monaten einen so guten Lauf, dass selbst ein Kapitän mit Scheuklappen ihn ohnehin als Captain’s Pick wählen würde. Ansonsten ist diese Änderung nur heiße Luft.

Die dritte wesentliche Änderung betrifft die zukünftige Rolex Series. Mit ihr will der neue European-Tour-Chef Keith Pelley eine Duftmarke setzen und der PGA Tour ans Bein pinkeln. Aus diesem Grund sollen in Zukunft Punkte von Turnieren, die in direkter Konkurrenz zur Rolex Series stattfinden, nicht mehr berücksichtigt werden. Die Folgen dieser Regelung sind noch nicht abzuschätzen. Sie hängen davon ab, wie die Spieler die Rolex Series annehmen. Kommen alle Europäer zu den Turnieren rüber, hat sie keinen Einfluss. Doch ziehen die PGA-Tour-Mitglieder es vor, in den USA zu bleiben, könnten die Folgen verheerend für das europäische Team sein.

Schließlich werden die Turniere im zweiten Jahr mit dem Faktor 1,5 berechnet. Wenn ein Europäer seine Pflichten auf der PGA Tour erfüllen muss (die mit der Rolex Series ja nicht einfach gelöscht werden) und in einem Parallel-Event gewinnt, würden unter Umständen 80 Punkte nicht in der Qualifikation berücksichtigt. Angesichts der Tatsache, dass die European Tour u.a. in diesen Aktionismus verfällt, weil Russell Knox nicht Matthew Fitzpatrick aus dem Ranking verdrängt hat, ein vollkommen absurder Schachzug. Schließlich steigt dadurch die Chance, das genau so etwas öfter passiert. Natürlich hat Keith Pelley das Recht – und die Pflicht – seine Tour zu stärken und Starspieler anzuziehen. Das jedoch als Hilfe für den Ryder Cup verkaufen zu wollen, ist mehr als scheinheilig. Die besten Spieler brauchen den Ryder Cup nicht, aber der Ryder Cup braucht die besten Spieler.

Das größte Vabanque-Spiel geht Pelley allerdings mit einer Änderung ein, die nur am Rande mit dem Ryder Cup zu tun hat. Er setzt die Pflichtstarts auf reinen European-Tour-Events von fünf auf vier hinunter. Die möglichen Folgen sind noch nicht abzuschätzen. Aber wenn Pelley damit sein Ziel erreicht, könnten die Folgen für die Basis der European Tour, das Gros der Spieler jenseits der Top 100 der Weltrangliste, katastrophal sein. Denn diese Maßnahme soll natürlich nur vordergründig dazu beitragen, dass Spieler wie Russell Knox oder Paul Casey dauerhaft die Karte für die European Tour behalten. Es soll auch der Rest der Welt nach Europa gelockt werden. Schauen wir uns doch mal die Realität an. Die meisten Top-Stars treten in der Woche vor der Open Championship bei der Scottish Open an. Viele lassen sich vom Antrittsgeld oder persönlichen Freundschaften zu Rory McIlroy zudem auf den Desert Swing oder die Irish Open locken. Es fehlen also nur noch ein oder zwei Starts, um die Kriterien für die Mitgliedschaft zu erfüllen.

Nun kann man natürlich sagen es ist doch schön, wenn die Reeds, Spieths, Johnsons und Co. der European Tour zusätzliche Aufmerksamkeit schenken. Doch was wären die Folgen davon? Aufgrund ihrer garantierten Starts bei Majors und WGCs hat die anvisierte Zielgruppe einen so großen Startvorteil, dass sie nahezu automatisch schon genügend Geld einspielen, um unter die Top 100 im Race to Dubai zu kommen. Dies bedeutet effektiv, dass die Zahl der verfügbaren Tourkarten für die Basis der European Tour – die Spieler, die Woche für Woche vor den Fans in Europa antreten und Herz und Seele der European Tour sind – immer weniger werden. Nur die wenigsten von ihnen sind Rory McIlroys, die sich sofort in die Weltspitze katapultieren. Die meisten von ihnen gehen den Weg eines Andrew Johnston und brauchen mehrere Anläufe, um auf der Tour Fuß zu fassen. Doch wenn Pelley wirklich mehr Spitzenspieler auf die European Tour lockt, erhalten diese Spieler immer weniger Chancen auf einen zweiten oder dritten Anlauf. Und so schneidet die European Tour möglicherweise die Entwicklung einige Spieler ab, die durchaus auch mal bei einem Ryder Cup helfen könnten.

Natürlich ist es gut möglich, dass das Vorhaben von Pelley scheitert und nur die Europäer dieses Entgegenkommen bei der Mitgliedschaft in Anspruch nehmen. Dennoch sollte man sich immer einmal vor Augen halten, was es für Folgen haben kann wenn de European Tour ihre McIlroys, Stenson und Kaymers mit immer mehr Geld zuschüttet während es für alle anderen schwere wird, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wozu es führen kann, wenn auch nur zehn Karten von solchen Top-Stars beansprucht werden, wirft ein Blick auf die letzten Jahre. Nicolas Colsaerts, Held des 2012er Ryder Cups und mit 34 Jahren sicher noch nicht am Ende, hätte 201 als 97. seine Tourkarte verloren. Emiliano Grillo, heute 25. der Weltrangliste war 2012 nur 94. im Race to Dubai. Wäre er ohne Tourkarte da, wo er heute ist? Danny Willet war 2011 nur 91. im Race to Dubai. Er hätte seine Karte verloren, 2012 nicht die BMW Open gewinnen können und vielleicht nie die Chance gehabt beim Masters anzutreten. Im gleichen Jahr hätte auch Victor Dubuisson als 106. seine Karte verloren. Niemand weiß ob er die Chance gehabt hätte, 2013 plötzlich in die Weltspitze vorzudringen. Was aber klar ist, ist, dass es ohne Dubuisson für Europa 2014 deutlich schwerer gewesen wäre, den Ryder Cup zu gewinnen.

All diese möglichen Kettenreaktionen hat die WTF offensichtlich nicht bedacht. Und all das nur, weil Darren Clarke in Hazeltine nicht unbedingt den besten Job gemacht hat. Auf diese Weise könnte der Nordire indirekt nicht nur einen Ryder Cup verloren haben, sondern die Grundlage für viele verlorene europäische Ryder Cups gelegt habe.

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