Warum Russell Knox einen Captain’s Pick verdient

Mit Einschätzungen direkt nach einem Sieg sollte man immer vorsichtig sein. Das menschliche Gehirn tendiert dazu, kürzlich erbrachte Leistungen immer höher zu bewerten, weil sie frisch in der Erinnerung sind. Recency bias, nennt dies der Amerikaner und deshalb (und weil wir Superlative lieben) wird alles schnell zum Größten erhoben. Das Duell zwischen Henrik Stenson und Phil Mickelson war das größte aller Zeiten, Jim Furyks 58 war die beste Runde aller Zeiten und so weiter. Einen Artikel zu schreiben, dass Russell Knox einen Captain’s Pick für den Ryder Cup verdient, unmittelbar nachdem er die Travelers Championship gewonnen hat, könnte man in die gleiche Schublade stecken. Allerdings wäre dies auch ohne seinen Sieg der Fall gewesen. Warum? Nun, die europäische Ryder-Cup-Qualifikationsliste liefert ein verzerrtes Bild.

Dies liegt an einer kleinen Fußnote, die unter dem Ranking steht.

Note 1: Points won on The Ryder Cup World Points List and The Ryder Cup European Points List can only be earned by a Player whilst a Member1 of the European Tour (as defined in the preceding section).

Russell Knox ist erst zur aktuellen Saison Mitglied der European Tour geworden, damit er – anders als Paul Casey – überhaupt die Chance haben kann, für den Ryder Cup nominiert zu werden. Dies bedeutet, dass Knox drei Monate weniger Zeit hatte als seine Konkurrenten, um Punkte zu sammeln. Aktuell sieht die World Points List so aus:

  1. 380.31 Henrik Stenson
  2. 319.97 Rory McIlroy
  3. 380.31 Henrik Stenson
  4. 271.99 Danny Willett
  5. 207.95 Sergio Garcia
  6. 173.09 Justin Rose
  7. 170.87 Rafael Cabrera Bello
  8. 163.06 Chris Wood
  9. 153.80 Andy Sullivan
  10. 147.82 Matthew Fitzpatrick
  11. 141.22 Russell Knox
  12. 117.47 Sören Kjeldsen
  13. 116.47 Lee Westwood
  14. 116.34 Martin Kaymer

Stand heute fehlen Russell Knox also rund 6 Punkte zur direkten ualifikation für das europäische Team. Doch wie sähe die Liste aus, wenn man seinen Sieg gestern herauslässt, ihm aber den gleichen Qualifikationszeitraum zuerkennt, wie allen anderen?

  1. 380.31 Henrik Stenson
  2. 319.97 Rory McIlroy
  3. 380.31 Henrik Stenson
  4. 271.99 Danny Willett
  5. 207.95 Sergio Garcia
  6. 182.12 Russell Knox
  7. 173.09 Justin Rose
  8. 170.87 Rafael Cabrera Bello
  9. 163.06 Chris Wood
  10. 153.80 Andy Sullivan
  11. 147.82 Matthew Fitzpatrick
  12. 117.47 Sören Kjeldsen
  13. 116.47 Lee Westwood
  14. 116.34 Martin Kaymer

Auf einmal wäre Russell Knox der Zweitbeste, der sich über die World Points List qualifiziert (die Top 3 sind über die European Points List qualifiziert) und liegt 30 Weltranglistenpunkte vor dem besten Nicht-Qualifikanten. Und wie gesagt: Hier ist noch nicht einmal die Travelers Championship eingerechnet. Der Grund dafür, Knox hat unter anderem ein kleines Turnier namens HSBC Champions gewonnen, für die es 66 Weltranglistenpunkte gab, die dem Schotten einfach gestrichen werden. Ein echtes, faires Ryder-Cup-Ranking der Europäer – die 50 Punkte für die Travelers Championship eingeschlossen – sähe heute also so aus:

  1. 380.31 Henrik Stenson
  2. 319.97 Rory McIlroy
  3. 380.31 Henrik Stenson
  4. 271.99 Danny Willett
  5. 232.12 Russell Knox
  6. 207.95 Sergio Garcia
  7. 173.09 Justin Rose
  8. 170.87 Rafael Cabrera Bello
  9. 163.06 Chris Wood
  10. 153.80 Andy Sullivan
  11. 147.82 Matthew Fitzpatrick
  12. 117.47 Sören Kjeldsen
  13. 116.47 Lee Westwood
  14. 116.34 Martin Kaymer

Es wäre daher unverantortlich, wenn Darren Clarke – sollte sich Knox nicht noch „sportlich“ direkt qualifizieren – auf den Schotten als Captain’s Pick verzichten würde. Für den Qualifikationszeitraum gibt es nur vier Europäer, die mehr Weltranglistenpunkte gesammelt haben. Oder um es krass zu formulieren: Knox hat doppelt so viele Weltranglistenpunkte erspielt wie seine Hauptkonkurrenten um einen Captain’s Pick Sören Kjeldsen, Martin Kaymer und Lee Westwood.

Knox ist nicht der Einzige, dessen Leistungen sich im europäischen Ranking nicht richtig widerspiegelen. Paul Casey entschied sich aus familiären Gründen gegen eine Alibi-European-Tour-Mitgliedschaft: seine 120 erspielten Weltranglistenpunkte im Qualifikationszeitraum sind daher ebenso nutzlos wie die Leistungen des Spaniers Jon Rahm. Der wurde erst im Juli Profi, hatte daher noch keine Chance auf eine European-Tour-Karte und spielt seitdem so überragend, dass sein realer Weltranglistenschnitt (10 Turniere statt des Minimaldivisors von 40) ihn aktuell auf Platz 15 der Weltrangliste befördern würde.

Nun kann man diskutieren, ob die Leistung eines jungen Mannes nach nur zwei Monaten im Profilager repräsentativ genug sind, um eine Rder-Cup-Nominierung zu rechtfertigen. Es gibt genügend Argumente dafür und dagegen. Das Problem ist nur, dass einem diese Argumentation abgenommen wird, weil die European Tour aus Angst vor der PGA Tour solchen Spielern jede theoretische Chance nimmt, sich zu qualifizieren. Russell Knox hat glücklicherweise noch diese Chance. Aber falls er sich nicht direkt qualifiziert, ist es durchaus vorstellbar, dass einer der fünf besten europäischen Golfer zu Hause bleiben muss, weil es opportuner ist, einen Spieler zu nominieren, der auf dem Papier mehr mit der European Tour verwachsen ist. Es wäre ein sportlicher Verlust.

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