Der Mythos um die Captain’s Picks beim Ryder Cup

Seit Jahren hält sich das hartnäckige Gerücht, die Captain’s Picks seien entscheidend für den Erfolg beim Ryder Cup. Nicht nur bei den Fans, vor allen Dingen auch bei den Verantwortlichen. 1979 wurde für die Europäer zum ersten Mal die Option eingeführt. Als die Amerikaner 1987 zum ersten Mal in der Geschichte des Ryder Cups zwei Mal in Folge verloren, machten sie die Captain’s Picks als Ursache aus und setzten den drei europäischen Wild Cards zwei eigene hinzu. Dabei hatten die europäischen Picks bis dahin eine desaströse Bilanz von 12 Siegen und 20 Niederlagen.

Es half nichts. Die Amerikaner kassierten Niederlage um Niederlage und hatten 2008 genug. Doch statt die Picks in Frage zu stellen, verdoppelte Paul Azinger sie. Und weil die USA in Valhalla – mit Heimvorteil – siegten, war das natürlich der unzweifelhafte Beweis, dass die Strategie funktioniert. Zumindest für die Europäer, die 2010 mit drei Picks konterten. Von da an wechselten die Europäer zwischen zwei und drei Wildcards und die Amerikaner zwischen drei und vier. Doch was bringen die Captain’s Picks wirklich? Um das zu ergründen, habe ich einmal alle Ryder Cups seit 1979 analysiert.

1979 (2 Europa)

EUR 2-4-0 (Rest: 15-20-3) PICKS AVG: 0,67 Punkte / REST AVG 0,87

1981 (2 Europa)

EUR 2-6-0 (Rest: 11-21-4) PICKS AVG: 0,50 Punkte / REST AVG 0,72

1983 KEINE PICKS

1985 (3 Europa)

EUR 2-5-0 (Rest: 21-11-5) PICKS AVG: 0,57 Punkte / REST AVG 1,27

1987 (3 Europa)

EUR 6-5-0 (Rest: 17-11-5) PICKS AVG: 1,09 Punkte / REST AVG 1,18

1989 (2 USA + 3 Europa)

USA 3-3-1 (Rest: 16-18-3) PICKS AVG: 1,00 Punkte / REST AVG 0,95
EUR 3-6-0 (Rest: 18-13-4) PICKS AVG: 0,67 Punkte / REST AVG 1,14

1991 (2 USA + 3 Europa)

USA 3-4-0 (Rest: 16-14-7) PICKS AVG: 0,86 Punkte / REST AVG 1,05
EUR 6-7-1 (Rest: 12-12-6) PICKS AVG: 0,93 Punkte / REST AVG 1,00

1993 (2 USA + 3 Europa)

USA 5-2-1 (Rest: 15-17-4) PICKS AVG: 1,38 Punkte / REST AVG 0,94
EUR 5-6-0 (Rest: 14-14-5) PICKS AVG: 0,91 Punkte / REST AVG 1,00

1995 (2 USA + 2 Europa)

USA 2-4-1 (Rest: 20-17-0) PICKS AVG: 0,71 Punkte / REST AVG 1,08
EUR 3-4-1 (Rest: 18-18-0) PICKS AVG: 0,88 Punkte / REST AVG 1,00

1997 (2 USA + 2 Europa)

USA 4-3-0 (Rest: 11-16-8) PICKS AVG: 1,14 Punkte / REST AVG 0,86
EUR 3-4-2 (Rest: 18-11-6) PICKS AVG: 0,89 Punkte / REST AVG 1,20

1999 (2 USA + 2 Europa)

USA 4-2-0 (Rest: 12-17-9) PICKS AVG: 1,33 Punkte / REST AVG 0,87
EUR 3-2-1 (Rest: 16-14-8) PICKS AVG: 1,17 Punkte / REST AVG 1,05

2002 (2 USA + 2 Europa)

USA 2-2-1 (Rest: 14-17-8) PICKS AVG: 1,00 Punkte / REST AVG 0,92
EUR 3-3-1 (Rest: 16-13-8) PICKS AVG: 1,00 Punkte / REST AVG 1,08

2004 (2 USA + 2 Europa)

USA 2-4-2 (Rest: 10-23-3) PICKS AVG: 0,75 Punkte / REST AVG 0,64
EUR 5-2-1 (Rest: 22-10-4) PICKS AVG: 1,38 Punkte / REST AVG 1,33

2006 (2 USA + 2 Europa)

USA 3-1-3 (Rest: 6-21-10) PICKS AVG: 1,29 Punkte / REST AVG 0,56
EUR 6-0-2 (Rest: 16-9-11) PICKS AVG: 1,75 Punkte / REST AVG 1,19

2008 (4 USA + 2 Europa)

USA 6-3-5 (Rest: 13-9-8) PICKS AVG: 1,21 Punkte / REST AVG 1,13
EUR 4-2-2 (Rest: 8-17-11) PICKS AVG: 1,25 Punkte / REST AVG 0,75

2010 (4 USA + 3 Europa)

USA 6-3-5 (Rest: 10-17-3) PICKS AVG: 1,21 Punkte / REST AVG 0,77
EUR 5-4-2 (Rest: 15-12-6) PICKS AVG: 1,09 Punkte / REST AVG 1,09

2012 (4 USA + 2 Europa)

USA 5-8-0 (Rest: 19-12-1) PICKS AVG: 0,77 Punkte / REST AVG 1,22
EUR 5-3-0 (Rest: 15-21-1) PICKS AVG: 1,25 Punkte / REST AVG 0,84

2014 (3 USA + 3 Europa)

USA 2-5-2 (Rest: 10-16-9) PICKS AVG: 0,67 Punkte / REST AVG 0,83
EUR 2-5-2 (Rest: 19-7-9) PICKS AVG: 0,67 Punkte / REST AVG 1,34

2016 (4 USA + 3 Europa)

USA 7-6-0 (Rest: 18-10-3) PICKS AVG: 1,08 Punkte / REST AVG 1,26
EUR 5-7-0 (Rest: 11-18-3) PICKS AVG: 0,83 Punkte / REST AVG 0,78

Schaut man sich sämtliche Captain’s Picks an, fällt auf, dass die Picks in den meisten Jahren einen schlechteren Punkteschnitt als ihre festqualifizierten Kollegen eingefahren haben. Seit 1999 scheint sich das Blatt aber gewendet zu haben. Haben also die heutigen Kapitäne gelernt, besser zu wählen, als ihre Vorgänger? Ist es einfach den Umständen geschuldet, dass in den Anfangsjahren das europäische Ryder Cup Team von den großen Fünf Langer, Woosnam, Lyle, Ballesteros und Faldo getragen wurde und danach nicht mehr viel kam, heute hingegen in der Tiefe sowohl bei den USA als auch in Europa viel mehr Qualität steckt? Oder ist das Ganze schlicht und einfach Zufall?

Auf Letzteres deutet es zumindest hin, wenn man einfach mal alle Resultate der Captain’s Picks zusammenzählt. Seit 1979 haben europäische Wildcards eine Bilanz von 70-75-15 (0,97 Punkte pro Match), ihre amerikanischen Gegenstücke schnitten 54-40-21 (1,03 Punkte pro Match) ab. Zusammengezählt haben die Captain’s Picks damit pro Match 0,997 Punkte geholt. Und die Festqualifizierten? Kein Scherz: sie haben genau 0,996 Punkte geholt. Eine komplett zu vernachlässigende statistische Ungenauigkeit. Nun ist man geneigt diese Zahl als Bestätigung für den Erfolg der Captain’s Picks zu nehmen. Schließlich sind sie ja die vermeintlich schlechteren Golfer. Man müsste annehmen, dass sie weniger Punkte holen als die Festqualifizierten. Und wenn sie auf Augenhöhe sind, beweist dies, dass sie überproportionalen Erfolg haben. Doch das ist zu kurz gedacht.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, zu analysieren, ob wirklich ein Qualitätsabfall zwischen den Nummern 1+2 im Team und den schwächsten Festqualifizierten festzustellen ist. Denn das müsste der Fall sein, um die Prämisse zu bestätigen, dass von Captain’s Picks per se weniger Leistung zu erwarten ist. Seit 1989, dem Jahr in dem erstmals beide Teams Wildcards vergeben haben, sind die Spitzenspieler von den USA und Europa mit einer Bilanz von 97 Siegen, 108 Niederlagen und 38 Unentschieden ins Clubhaus gekommen – ein Schnitt von 0,95 Punkten pro Match. Die letzten beiden der Teams haben im gleichen Zeitraum eine Bilanz von 69 Siegen, 74 Niedderlagen und 22 Unentschieden eingefahren – oder 0,97 Punkte pro Match. Bei den letzten fünf Ryder Cups hat sich die Tendenz übrigens noch verstärkt. Hier stehen 0,84 Punkte der Stars 1,05 Punkten der vermeintlichen Mitläufer gegenüber.

Damit sollte etabliert sein, dass von jedem Mitglied im Team die gleiche Leistung erwartbar ist – unabhängig davon wo und wie er sich qualifiziert hat. Eigentlich auch logisch, denn der Ryder Cup wird bekanntlich im Matchplay ausgetragen und dort ist die Zufälligkeit relativ groß. Man kann einen miesen Tag haben und gewinnen oder Platzrekord spielen und verlieren. Daher gibt es eigentlich keinen Grund, den Captain’s Picks immer mehr Bedeutung zu geben. Denn selbst vermeintlich unantastbare Wildcards können floppen wie Ian Poulter 2014 bewiesen hat. Historischer Erfolg ist keine Garantie dafür, dass die Leistung auch wieder gebracht wird. Was uns zu einem weiteren Mythos der Captain’s Picks bringt.

Thomas Björn hat in diesem Jahr Sergio Garcia, Henrik Stenson und Ian Poulter ins Team berufen. Die Begründung, mit der alle konform gegangen sind, war, dass es im europäischen Team bereits fünf Rookies gibt und es mehr erfahrene Spieler braucht, um nicht unterzugehen. Es ist ein Argument, das uns seit Jahren immer wieder begegnet. Tom Watson brachte es 2014 an, als er drei Rookies im Team hatte. Und 2008 ließ Nick Faldo u.a. Martin Kaymer zu Hause, um Paul Casey ins Team zu holen – er hatte bereits vier Rookies. Sein Rivale Paul Azinger fügte seinen drei Neulingen hingegen noch drei weitere hinzu. Und fegte die Europäer vom Platz. Zufall? Um das zu überprüfen, habe ich einmal geschaut, wie die von der Atmosphäre überforderten Rookies im Vergleich mit abgehärteten Veteranen abgeschnitten haben, die mindestens schon drei Ryder Cups Erfahrung hatten.

Tatsächlich haben die Veteranen seit 1989 mit 183 Siegen, 181 Niederlagen und 59 Punkten (1,00 Punkte pro Match) eine bessere Bilanz als die Rookies mit 128 Siegen, 137 Niederlagen und 60 Unentschieden (0,97 Punkte pro Match). Aber die Differenz ist noch nicht so, dass man von einer klaren Tendenz sprechen kann. Besonders wenn man sich die Bilanz seit der Großen Captain’s-Pick-Schwemme von 2008 anschaut. In den letzten fünf Ryder Cups sind die Rookies mit 1,06 Punkten pro Match deutlich besser am Start als die Veteranen mit 0,92 Punkten pro Match. Es spricht also nichts dafür, erfahrene Spieler gegenüber Rookies zu bevorzugen.

Sind die Captain’s Picks also wirklich essentiell für den Erfolg beim Ryder Cup? Die Zahlen sprechen klar dagegen. Was beim Ryder Cup zählt, ist die Tagesform. Natürlich ist es nicht clever, jemanden einzusetzen, der seit Monaten außer Form ist. Aber selbst das ist keine Garantie, dass er schlecht spielt. Es gibt genügend Fälle, in denen ein Spieler nach fünf verpassten Cuts auf einmal ein Sahne-Wochenende erwischt und ein Turnier gewinnt. Und so kann theoretisch auch ein zuletzt formschwacher Spieler wie beispielsweise Sergio Garcia einen richtig guten Ryder Cup spielen. Doch das heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Captain’s Picks eine riesige Bedeutung haben. Mit den Wildcards ist es wie mit dem berühmten Beispiel von willkürlich ausgewählten Aktien, die professionelle Investoren outperformen. Es ist alles ein großer Zufall.

Das einzige, was die Captain’s Picks wirklich gewährleisten, ist einen Blick in die Seele der Kapitäne. Denn es liegt in ihrer Hand, vorab zu bestimmen, wie viele Team-Mitglieder per Wildcard ausgewählt werden. Je größer die Zahl, desto größer das Ego des Kapitäns. Schließlich glaubt er, bessere Spieler auswählen zu können als leistungsbezogene Daten. Wenn er Erfolg hat, ist er ein Held. Bei Misserfolg der Buhmann. Doch das alles ist vollkommen willkürlich. Egal wie der Ryder Cup ausgeht: Anhand des Erfolgs der Captain’s Picks sollte niemand beurteilen, ob ein Kapitän einen guten Job gemacht hat. Und vielleicht sollte man in Zukunft wieder dazu übergehen, Spieler für eine gute Saison zu belohnen, statt alten Vertrauten ein Zückerchen zuzuschieben. Am Ergebnis des Ryder Cups wird dies zumindest nichts ändern.

2 Comments

  • Reinhard GIerse sagt:

    Interessante Analyse. Mich würde aber eher interessieren, ob die Spieler, die sich qualifiziert haben bsser oder schlechter abschneiden als Spieler, die in den letzten Wochen vor dem Ryder Cup gut spielen und in Form sind (also gute Turnierergebnisse aufweisen).
    Die qualifizierten Spieler haben ja über einen längeren Zeitraum Punkte sammeln können. Wobei es egal ist, ob die Punkte am Anfang oder am Ende der Qualifikationsperiode erspielt wurden. Theoretisch kann sich also ein Spieler qualifizieren der völlig ausser Form ist!
    Wobei ich zugebe, dass das Beispiel Tiger Woods genau diese Theorie völlig ausser Kraft setzt: spielt seit Wochen in Super-Form und erspielt beim Ryder Cup keinen Punkt!

    • Schwierig zu beantworten. Da müsste man erst einmal Parameter setzen, ab wann eine gute Form und eine schlechte Form beginnt. Aus dem Bauch würde ich auch sagen, dass es irrelevant ist. Die Amerikaner haben ja ihr System geändert, dass das zweite Jahr höher als das Erste bewertet wird und es hat ihnen nicht viel gebracht. Für jeden Willett 2016, der weiter schlecht spielt, gibt es einen Garcia 2018, der plötzlich aufdreht. Und für jeden Tiger, der im Cup seine Form nicht bestätigt, gibt es einen Molinari.

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