Doug Barron: Dopingsünder oder Sündenbock?

Doug Barron ist ein elender Betrüger! Dies ist so ziemlich alles, was man in den letzten Wochen über den Golfer aus Tennessee erfahren hat. Sein positiver Dopingbefund und die verhängte einjährige Sperre wurde auch in deutschen Medien breitgetreten. Dass der 40-jährige vor kurzem eine Klage gegen die PGA Tour eingereicht hat, war schon weniger Zeitungen eine Schlagzeile wert. Schließlich behauptet ja jeder Doper seine Unschuld bis es keinen Ausweg mehr gibt. Dass seine Klage, unabhängig von der Schuldfrage, einige brennende Fragen aufwirft und die PGA Tour in seinen Grundfesten erschüttern könnte, findet hingegen – zumindest in Deutschland – in der Öffentlichkeit kaum statt. Oder anders formuliert: Wenn ich Oliver Stone wäre, würde ich schon mal meinen Bleistift für den nächsten Verschwörungsthriller spitzen.

Alles nahm seinen Anfang im Jahr 1987. Damals wurde Barron mit einem sogenannten Mitralklappenprolaps diagnostiziert. Die Krankheit ist in den meisten Fällen zwar nicht lebensverkürzend oder gar lebensbedrohend, die Ärzte entschlossen sich dennoch ihm Betablocker zur Beruhigung des Herzschlages zu verordnen. Darüber hinaus wurde bei Barron ein ungewöhnlich niedriger Testosteronwert entdeckt, der zu Abgeschlagenheit führte und mittels medikamentöser Zuführung kompensiert wurde. So weit die Fakten, die von keiner Seite bestritten werden.

Dann beschloss die PGA Tour im Jahr 2007 sich dem Dopingcode der World Anti-Doping Agency (WADA) zu unterwerfen. Allerdings geschah das Ganze nicht ganz freiwillig. Nachdem sich PGA-Tour-Chef Tim Finchem lange Zeit mit der peinlich realitätsfernen Berufung auf den Ehrenkodex im Golfsport aus der Verantwortung herausredete, machte es die erhoffte Aufnahme von Golf bei Olympia unausweichlich, auch die allgemein gültigen Anti-Doping-Standards anzuerkennen. Für Doug Barron bedeutete dies, dass seine Medikation ihn zu einem Dopingsünder machen würde. Für medizinische Härtefälle gibt es jedoch die Möglichkeit, eine TUE-Ausnahmegenehmigung (therapeutic use exemption) zu beantragen. Das tat Doug Barron auch, sowohl im Jahr 2008 als auch im Jahr 2009 – beide Male lehnte das Komitee der PGA Tour seinen Antrag ab. Nun ist es müßig zu diskutieren, ob die Ärzte der PGA Tour oder die Ärzte, die Barron seit Jahren behandeln, eine höhere Kompetenz besitzen – unter anderem mit dieser Frage müssen sich die Gerichte beschäftigen. Unbestritten ist, dass Barron die Weisung der PGA Tour nicht befolgte und die Medikamente weiter einnahm, was insbesondere bei der Einnahme von Testosteron nicht medizinisch notwendig war. Als eisenharter Verfechter eine harten Anti-Doping-Kurses finde ich die daraus resultierende einjährige Sperre vollkommen gerechtfertigt. Dennoch sind an dieser Stelle einige unangenehme Fragen für die PGA Tour angebracht.

Da wäre zuerst einmal die Frage des Timings. Dass es nach zwei Jahren Dopingtests noch keinen positiven Fall gegeben hatte, ließ zwei Schlußfolgerungen zu: Entweder ist Golf der einzig absolut saubere Sport, oder die Tests lassen zu wünschen übrig. Da Golf nun eine olympische Sportart geworden ist, hätte der zweite Verdacht für unbequeme Diskussionen sorgen können. Da trifft es sich gut, dass Doug Barron dieses Problem jetzt ein für alle Mal aus der Welt geschafft hat. Denn das Signal der positiven Dopingprobe seitens Tim Finchem war deutlich: Wir führen Tests durch. Und wenn es hart auf hart kommt, greifen wir konsequent durch.

Warum aber ausgerechnet Doug Barron? Warum wird jemand, der im Jahr 2009 nur einen einzigen Auftritt auf der PGA Tour hatte, ausgerechnet dort für einen Dopingtest ausgewählt? Man kann nur hoffen, dass es wirklich das Schicksal des Zufallsloses war, das dafür gesorgt hat. Anderenfalls müsste man unterstellen, dass die Verantwortlichen der PGA Tour – angesichts der abgelehnten Ausnahmegenehmigung über Barrons Gesundheitszustand und seine Medikamente informiert – Doug Barron absichtlich in eine Falle haben laufen lassen, um ihr Gesicht als Dopingbekämpfer zu wahren. Das Opfer wäre gut gewählt: Ein Gelegenheits-Tourspieler wie Barron hat keine große Lobby, ein Generalaufstand der Spieler wäre unwahrscheinlich.

Was die PGA Tour allerdings nicht einkalkuliert hat, ist, dass Barron den Weg vor die ordentlichen Gerichte nimmt. Denn wie Steve Elling von CBS berichtet, hat die PGA Tour im Kleingedruckten ihres Anti-Doping-Handbuches eine Formulierung versteckt nach der ein positiv getester Spieler mit Beitritt zur PGA Tour jeden Anspruch auf ein gerichtliches Verfahren abgetretn hat. Klingt fast so, als hätte Heidi Klums Papa seine Finger bei dem Vertrag im Spiel gehabt. Dumm nur, dass Barron kein volles PGA-Tour-Mitglied ist und nun alle juristischen Geschütze auffährt. Zwar wurde sein Antrag auf eine einstweilige Verfügung im Schnellverfahren abgelehnt, aber das Hauptverfahren ist damit längst nicht ausgestanden. Und das, was Doug Barrons Anwälte gegenüber der Presse behaupten, hat es in sich.

Denn angeblich soll es bereits zahlreiche positive Drogentests auf der PGA Tour gegeben haben – und zwar auf Freizeitdrogen wie Marihuana und Kokain. Diese stehen zwar ebenfalls im offiziellen WADA-Katalog als verbotene Stoffe, die eine Sperre nach sich ziehen, doch offensichtlich sieht sich Tim Finchem daran nicht gebunden. Im Juni von Reportern darauf angesprochen wich er verdächtig aus: „Wir haben keine positiven Tests auf leistungsfördernde Drogen. Es kann sein, dass wir in anderen Bereichen einige Tests hatten, die uns Sorgen bereiten. Aber diese veröffentlichen wir nicht.“

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Um dies noch einmal ganz deutlich zu machen: Der Chef einer Vereinigung, die sich dem WADA Code unterworfen hat, beschließt auf eigene Faust, sich einiger Punkte dieses Codes nicht zu unterwerfen, sondern nach Gutdünken positive Fälle unter den Teppich zu kehren und intern zu regeln. Wer so mit den Doping-Richtlinien umgeht, bringt nicht nur den Sport in Verruf, sondern auch die jüngste Aufnahme von Golf bei den Olympischen Spielen in Gefahr. Vor allen Dingen unterminiert er damit aber das Gleichheitsprinzip und spielt damit dem Fall von Doug Barron in die Hand. Ganz egal, wer auf welche verbotenen Substanzen positiv getestet wird: Ob nun Doug Barron auf Testosteron, Tiger Woods auf Kopfschmerztabletten oder Tom Watson auf Ecstasy. Wer gegen die Dopingrichtlinien verstößt, gehört gesperrt. Ganz ohne Ansehen der Substanz oder der Person. Denn wer Freizeitdrogen eigenhändig von der Dopingliste streicht, weil sie „keine leistungssteigernden Mittel sind“, soll sich bitte mal oben das Foto von Doug Barron (der rechte Herr, nicht der noch nie positiv getestete linke Herr) ansehen und mit ernster Miene behaupten, dass das Testosteron für ihn eine leistungssteigernde Wirkung hat. Ja, Doug Barron ist ein Dopingsünder. Aber mindestens zu einem genauso großen Teil ist er ein Sündenbock für ein vollkommen willkürliches und lächerliches Dopingsystem auf der PGA Tour.

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