Whistling Straits

Unsere Bewertung

8 Linksgolfer

Erklärung der Bewertungsskala

Die meisten haben Whistling Straits vermutlich zum ersten Mal 2010 wahr genommen, als ein gewisser Martin K. aus M. seinen ersten Major-Titel gewann. Die spektakulären Luftaufnahmen der 1000 Bunker ließen das Design von Pete Dye wie einen Platz aus einer anderen Welt wirken. Den gleichen Eindruck bekommt man auch, wenn man in Whistling Straits vorfährt. Zumindest habe ich zuvor noch nie eine Einfahrt gesehen, die von Bunkern umsäumt war – auch wenn weit und breit keine Spielbahn zu sehen ist.

Ich bin ehrlich: Ich fuhr mit großem Misstrauen nach Sheboygan. Alles, was ich über Whistling Straits gelesen hatte, rief in mir Ablehnung hervor. Denn der Platz sieht nicht nur künstlich aus, er ist es auch. Pete Dye hat Millionen Kubikmeter an Erde bewegt, um aus einer brettebenen Landschaft einen Pseudo-Linksplatz zu errichten. Und zu allem Überfluss ist Whistling Straits noch eine ultraschwere Wiese mit Course Rating 75.6 und einem Slope-Wert von 146. Dass der Club zu seinem ohnehin üppigen Greenfee von 395 Dollar auch noch die Buchung eines Caddies vorschreibt, hilft nicht gerade, die Vorurteile zu zügeln.

Auch die äußeren Begleitumstände waren alles andere als ideal. Denn die zu Ehren von Arnold Palmer auf Halbmast gesetzten Fahnen vor dem Clubhaus wehten an diesem Morgen wild umher. Die Böen waren so stark, dass man selbst auf dem Putting-Green ins Wanken geriet. Oder wie es unser Caddy formulierte „Ich würde mir wünschen, die Profis müssten hier mal bei solchen Bedingungen spielen. Da würden sie nicht mit 20 unter Par reinkommen.“ Angesichts der widrigen Bedingungen gab es nur eine vernünftige Entscheidung. Vorbei an den 7123 Meter langen Backtees. Die 6530 Meter langen blauen Tees links liegen lassen. Die 6093 Meter langen grünen Tees passieren. Und rauf auf die 5815 Meter kurzen weißen Tees. Manch einer würde dazu sagen „Pussy!“ Unser Caddy hatte zwei andere Worte parat: „Good Choice.“

Dass es wirklich eine gute Wahl war, wurde mir drei Schläge später klar. Statt sich von 451 Metern auf dem Par 4 zu quälen, wurde es von weiß mit 330 Metern ein lockerer Aufgelopp. So locker, dass nur der Fahnenstock den gelochten Birdie-Chip verhinderte. Das erste Highlight von Whistling Straits liefert die 3. Das 172/141 Meter lange Par 3 erinnert stark an die berühmt-berüchtigte 17 – allerdings hat man die Steroide weggelassen. Die Bahn ist kürzer, und links vom Grün geht es nicht mal halb so steil runter in Richtung Wasser.

Nach einer weiteren Bahn am Wasser kommt mit der 5 ein Loch, das in Whistling Straits deplatziert wirkt. Als Gegenleistung für die großen Erdarbeiten wurde eine Ausgleichsfläche verlangt, und das 551/482 Meter lange Par 5 schlängelt fast ohne (künstliche) Ondulierungen und (künstliche) Dünen zwischen zwei (künstlichen) Seen entlang. Auch die kurze 6 ist gewöhnungsbedürftig. Das 374/322 Meter kurze Par 4 hat ein bizarres Grün, das an Großmutters Nierentisch erinnert. Dank eines Bunkers, der das Kurzgemähte zur Hälfte einschneidet, kann man auf dem Grün liegen – und trotzdem die Fahne nur per Flopshot erreichen. Und wenn die Fahne auf der rechten Seite des Grüns gesteckt ist, sollte man nichts längeres als ein Eisen 9 in der Hand halten, um zu attackieren. So etwas kann man designen, aber dann sollte man auch für Durchschnittsgolfer eine defensive Option bereit halten – und die ist nicht gegeben, wenn die Fahne rechts steckt.

Anschließend steigert sich der Platz mit zwei Löchern am Wasser wieder. Dem 202/157 Meter langen Par 3 folgt ein 463/370 Meter langes Par 4, das sich in einem Dogleg nach rechts in Richtung Grün bewegt. Es ist zwar nicht das schönste Loch des Platzes, aber das bevölkerungsreichste. Denn hunderte Kanadagänse haben sich hier häuslich eingerichtet. Dass sich die Fairways nicht komplett in Guano verwandeln, ist einzig der großen Schar an Greenkeepern zu verdanken. Trotz der reizvollen Löcher am Lake Michigan hatten sich nach 9 Löchern meine Vorurteile bestätigt: es ist ein schwieriger Platz mit optischen Reizen, aber abgesehen von den Par 3s wenig einprägsamen Löchern. Doch es sollten ja noch neun weitere Löcher kommen. Und die Back 9 beginnen mit einem echten Kracher.

Die 10 ist mit 358/293 Metern das kürzeste Par 4 auf dem Platz – und gleichzeitig auch eines der Besten. Visuell ist sie ein absoluter Leckerbissen, führt sie doch vom Clubhaus bergauf Richtung Wasser. Die gigantisch breite Spielbahn besitzt als optische Reize dutzende Bunker – manche davon so weit weg, dass selbst der schlimmste Slicer sie nicht erreichen könnte. Die größte Gefahr droht noch von einem tiefen, mittigen Fairwaybunker. Auf dem gesamten Platz gibt es keine bessere Chance, sein Selbstbewusstsein aufzubauen. Hat man dies geschafft, kann man den Lake Michigan genießen. Denn die nächsten drei Löcher führen an seinem Ufer entlang.

Die 11 ist mit 590/475 Metern die längste Bahn von Whistling Straits. Das leichte Rechts-Links-Doppel-Dogleg besitzt den vielleicht besten Grünbunker des Platzes. Links vor dem erhöhten Grün hat Pete Dye einen tiefen, großen Bunker (wobei er regeltechnisch gesehen wie alle Sandhindernisse auf dem Platz eine Waste Area ist) mit seinen berüchtigten Eisenbahnschwellen abgestützt. Mit der 12 folgt als Ausgleich die kürzeste Bahn. Das von den Backtees 149 Meter kurze Par 3 spielt sich von weiß sogar nur 91 Meter. 91 Meter? Viel zu kurz für einen Golfer meiner Qualität. Also ging ich auf Blau zurück – und schubste den Ball gekonnt in den Bunker am Boden der zu überspielenden Schlucht. Dass ich von dort mit dem ersten Versuch zurück aufs Grün kam, war ein schwacher Trost.

Das Signature Hole von Whistling Straits kommt schließlich mit der 13. „Cliff Hanger“ erinnert mit seinem direkt am Lake Michigan gelegenen, exponierten Grün an die 10 von Pebble Beach. Daher ist es trotz seiner Kürze von 368/307 Metern kein Selbstgänger. Die 14 und die 15 sind dann zwei grundsolide Übergangslöcher, bevor es mit der 16 noch ein letztes Mal an den Lake Michigan zurück geht. Das 519/469 Meter lange Par 5 ist das kürzeste von Whistling Straits und bietet besonders bei Rückenwind noch einmal eine letzte Chance zu scoren. Denn das Finish ist schlicht und einfach brutal.

Pinched Nerve, das 228/151 Meter lange Par 3, ist mit seiner steilen Senke links so angsteinflößend, dass ich meinen Tee Shot rechts hinter einen künstlichen Hügel verzog. Den anschließenden Flop Shot bekam ich nicht zum Halten und plötzlich lag ich mit zwei Schlägen dort, wo ich mit dem ersten nicht liegen wollte. Die 8 Meter ans Wasser herunterzuklettern ist ein deprimierendes Gefühl. Schafft man es den Ball aus dem Bunker danach allerdings die acht Meter nach oben zu bekommen, fühlt man sich kurzzeitig wie der König der Welt. Kurzzeitig nur, weil anschließend die 18 kommt. Und die ist so brutal, wie das Wortspiel im Namen des Loches platt ist. Dyeabolical mag zwar auf der Scorekarte ein Par 4 sein. Aber das ist in etwa so, als würde man behaupten, Kühe seien lila. Es hat zwar nichts mit der Realität zu tun, aber jemand hat es trotzdem einfach mal behauptet.

Die Länge von 475/384 Metern ist schon Test genug, aber nach dem Drive wartet eine gigantische Schlucht, die das Fairway splittet und den direkten Schlag ins Grün nahezu unmöglich macht. Die ideale Spielweise ist hier, sich mit dem zweiten rechts zu halten und dann auf ein Pitch/Putt oder Chip/Putt Wunder-Par zu hoffen. In meinem Fall hätte es zwar tatsächlich fast geklappt – der 2,50 Meter Par-Putt verfehlte nur um Zentimeter – trotzdem ist dieses Loch eigentlich nur für Profis geeignet. So erzählte unser Caddie, dass er in all seinen Jahren als Taschenträger hier lediglich drei Birdies erlebt hätte – und nur einer davon hatte es mit dem zweiten Schlag aufs Grün geschafft.

Aus diesem Grund sagte er auch „Good Choice“, als wir am Anfang auf die weißen Tees gehen. Denn der Grundfehler, den die meisten auf diesem Platz machen, ist ihren Macho-Allüren nachzugeben und von zu weit hinten aufzuteen. Es gibt wenige Plätze auf dieser Welt, die Selbstüberschätzung mehr bestrafen als Whistling Straits. Aber wenn man die richtigen Tees erwischt, ist es ein überraschend faires Design – und besonders auf den Back 9 Weltklasse. Selten habe ich mich mehr gefreut, völlig falsch gelegen zu haben.

Gespielt am: 26.9.2016

Disclaimer: Das Greenfee wurde gestellt

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